Chloe Hooper | Der große Mann

Ich hörte im beiläufigen Ton vorgetragene Horrorgeschichten. In den vergangenen sechs Wochen hatte ein Mann im Streit um ein Glas Bier seinen Bruder mit einem Messerstich fast tödlich verletzt; eine Frau hatte einer anderen die Lippe abgebissen; ein Mann hatte Benzin über seine Freundin gegossen und sie angezündet. Die Arbeitslosenquote lag bei 92 %. Auf dieser Insel begingen junge Männer drei Mal öfter Selbstmord als junge weiße Männer in Townsville. Die Hälfte der Männer auf Palm Island starb vor dem fünfzigsten Lebensjahr. Die Insel war ein schwarzes Loch, in das Menschen hineingefallen waren. Sollte es also ruhig noch Steine regnen. (Auszug Seite 110)

Am 19. November 2004 kommt es auf Palm Island zu einem Wortwechsel zwischen dem Aborigine Cameron Doomadgee und dem Polizeibeamten Christopher Hurley. Nach einer angeblichen Beleidigung wird Doomadgee wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen. Vor der Polizeiwache gibt es ein weiteres Handgemenge und schließlich einen Sturz. Doomagdee wird in eine Zelle geschleift. Dort wird er eine halbe Stunde später tot aufgefunden – gestorben an schweren inneren Verletzungen. Ein Unfall oder ein Fall von Polizeigewalt?

Palm Island ist eine Insel vor der Ostküste Australiens im Bundesland Queensland, 60 km nördlich von Townsville am Great Barrier Reef. Eigentlich eine klassische Paradiesinsel, wurde sie etwa 60 Jahre lang bis in der 1970er von der Regierung von Queensland als Straflager genutzt, in das die Ureinwohner der Aborigines deportiert wurden. Dies ist zwar inzwischen Geschichte, aber die Probleme sind dadurch natürlich nicht verschwunden. Perspektivlosigkeit aller Orten, Armut, eine wahnsinnig hohe Arbeitslosenquote. Familiäre Gewalt, Drogen- und Alkoholsucht sind an der Tagesordnung. Der Tod von Doomadgee löst extreme Ausschreitungen aus, die Polizeistation und das Wohnhaus des Beamten Hurley werden abgefackelt.

Cameron Doomadgee ist einer dieser Perspektivlosen, 36 Jahre alt, sein Clan stammt ursprünglich aus einer Gegend in Nordwest-Queensland, mehr als 1000 km entfernt. Er stirbt an massiven inneren Verletzungen: Seine Leber ist durch starken Druck auf die Wirbelsäule gequetscht worden und fast entzwei gerissen. Verletzungen, die nicht durch einen bloßen Sturz zu erklären sind. Der Polizeibeamte Hurley wird zum Hauptverdächtigen. Ein markanter, kräftiger Mann, mehr als zwei Meter groß. Hurley ist schon seit langem in Aborigine-Gemeinden tätig, bislang ohne negativ aufgefallen zu sein. Er weist alle Schuld von sich, behauptet schließlich im Nachhinein, er müsse beim Sturz wohl auf Doomagdee gefallen sein. Eine Erklärung, die seine Kollegen zufriedenstellt, bei der Aborigine-Gemeinde aber mit großer Wut aufgenommen wird. Es kommt zu einer Anhörung, die immer wieder verzögert wird. Dort empfiehlt die Untersuchungsrichterin, Anklage gegen Hurley wegen Totschlags zu erheben. Die Staatsanwaltschaft weigert sich. Erst durch Intervention des Generalstaatsanwalts kommt es schließlich doch zum ersten Prozess in Australien, in dem ein Polizist wegen eines Todesfalls in Polizeigewahrsam angeklagt wurde.

Die Autorin Chloe Hooper wird von Rechtsanwalt Andrew Boe angesprochen, er vertritt die Interessen von Doomagdees Hinterbliebenen. Kurz vor Beginn der Anhörungen trifft sie relativ unbefleckt auf Palm Island ein und verfolgt die Ereignisse bis zur Urteilsverkündung im Prozess gegen Christopher Hurley. In bester Tradition Truman Capotes hat sie daraus einen Tatsachenroman verfasst, der 2008 erstmals im Original erschien und in Australien schon jetzt ein moderner Klassiker ist.

Der große Mann kommt in vielerlei Gestalt, sagen die Leute. Er kann seine Form verändern, aber wenn er einen am Boden hat, dann ist, ob man schwarz oder weiß ist, das Grauen dasselbe. (Seite 352)

Die Aborigines haben inzwischen alle Bürgerrechte und es wurde sich doch für begangenes Unrecht entschuldigt, sagen viele aus der weißen Bevölkerung Australiens. Das stimmt und doch macht die Autorin in diesem Buch deutlich, wie sehr die brutale Assimilationspolitik die kulturelle, spirituelle und zum Teil auch persönliche Identität der Ureinwohner beschädigt und große Teile der Aborigine-Gesellschaft bis heute marginalisiert hat. Dies manifestiert sich – im Vergleich zur Gesamtbevölkerung – in extrem erhöhten Prozentsätzen von Sucht, Gewalt, Kriminalität und Kindesmissbrauch. Die Weißen reagieren mit Abscheu und alltäglichem Rassismus. Ein Teufelskreis entsteht, in dem selbst einem nicht unbedingt als „bad cop“ bekannten Polizisten wie Christopher Hurley die Sicherungen durchbrennen können. Doch auf den Korpsgeist ist Verlass: Die Polizeigewerkschaft fährt alle Geschütze auf, um ihren Mann vor der Verurteilung zu bewahren.

Chloe Hooper recherchiert in Palm Island, begleitet die Prozesse und begibt sich auch auf die Reise in den Heimatort Doomadgee und nach Burketown, eine frühere Station in Hurleys Berufsleben. Ihre Recherchen ergeben das Bild eines immer noch tief gespaltenen Australiens. Dabei schreibt Hooper nicht im Stil einer wütenden Aktivistin, sondern präzise und stilistisch elegant. Sie erweist sich als genaue Beobachterin, vor allem im Gerichtssaal, und setzt nur dort, wo nötig, erklärende historische Erläuterungen. Aber alles in allem setzt sie natürlich ein politisches Statement. Dies alles macht Der große Mann zu einem überzeugenden Werk.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Der große Mann | Erschienen am 22. Februar 2016 im Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-057-2
368 Seiten | 22,- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Beitrag von Alf Mayer im Culturmag zu Der große Mann

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3 Gedanken zu “Chloe Hooper | Der große Mann

  1. Das Buch muss unbedingt auch noch in die „True-Crime“-Ecke meines Regals wandern. Und wie ich Deiner tollen Besprechung entnehmen kann, mache ich damit auch sicher nix verkehrt.

  2. Nein, definitiv nicht. Ich habe jetzt auch wieder festgestellt, dass mir „True Crime“ sehr zusagt, das muss ich mal weiter vertiefen.

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