Rezensions-Doppel: Richard Lange ‚Angel Baby‘ & Wiley Cash ‚Schaut nicht zurück‘

Kennt ihr den auch noch? Wenn ich als Kind früher ein wenig Hektik verbreitete, brachte meine Mutter öfters den Spruch: „Wir sind doch nicht wie Dr. Kimble auf der Flucht.“ Die legendäre Fernsehserie aus den 1960ern (die ich nie gesehen habe, erst die Neuverfilmung in den 90ern mit Harrison Ford und Tommy Lee Jones) schaffte es sogar als Redewendung in den Sprachgebrauch. Überhaupt wird die Thematik Flucht und Verfolgung gern im Kriminalfilm und in der Kriminalliteratur genutzt, man denke nur an Ludlums Jason Bourne, Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“, Eric Amblers „Ungewöhnliche Gefahr“ oder James Gradys „Sechs Tage des Condor“. Das Fluchtmotiv bringt zumeist enormes Tempo und Dramatik in die Story. Außerdem bietet sich an, den Schauplätzen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Zwei aktuelle Vertreter des Genres lagen noch auf meinem SuB und bieten zwei ziemlich unterschiedliche Herangehensweisen. Richard Langes Angel Baby spielt in Tijuana und L.A. und ist ein ziemlich rasantes Stück Thriller („plotgetrieben“ sagt der Schneemann dazu), während Schaut nicht zurück von Wiley Cash im Osten der USA in North & South Carolina spielt und deutlich zurückhaltender an die Sache herangeht. Beide Romane sind allerdings hochdekoriert: Angel Baby wurde 2014 mit dem Hammett Prize ausgezeichnet, mit Schaut nicht zurück gewann Wiley Cash im gleichen Jahr den Dagger Award. Zeit für eine Doppelrezension.


Richard Lange | Angel Baby

Luz ist wie der Vogel im goldenen Käfig. Sie ist die junge, schöne Frau des „narcos“ El Princípe in Tijuana. Er wacht mit harter Hand über sie, vor allem, nachdem sie bereits einen Fluchtversuch vor einem Jahr unternommen und es nur bis kurz hinter die Grundstücksgrenze der protzigen Villa geschafft hat. Doch diesmal hat sie sich besser vorbereitet und wagt erneut die Flucht, um endlich ihre Tochter nach drei Jahren wiederzusehen – im spärlichen Gepäck eine 45er von „El Princípe“ und eine Menge Kohle aus seinem Haussafe.

Ihre Tochter lebt bei Luz‘ Tante in Compton/L.A. und um dorthin zu kommen, vertraut sich Luz einem Schlepper an, der seinen vermeintlich besten Mann holt, um Luz über die Grenze zu bringen. Kevin Malone, der nach dem Unfalltod seiner kleinen Tochter und dem Zusammenbruch seiner Ehe sich allerdings ziemlich gehen lässt und dem Alkohol frönt, macht auf Luz allerdings keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Doch Malone, so viel sei verraten und ein gewiefter Leser ahnt es schon längst, wird sich als große Hilfe für Luz erweisen. Denn an der Grenze warten bereits die Geier auf sie: Jerónimo, ein Killer, der allerdings schon längst aussteigen wollte und nun von „El Princípe“ erpresst wird, indem Jerónimos Familie als Geiseln gehalten werden und Thacker, ein mieser Bulle der Border Patrol, der von dem vielen Geld, das Luz bei sich trägt, Wind bekommen hat. Es entwickelt sich in der Folge ein hartgesottener action- und temporeicher Plot, denn als die erste „Kontaktaufnahme“ kurz nach Grenze misslingt, geht Luz‘ und Malones Flucht erst recht weiter und die beiden Schurken nehmen direkt Kurs auf Luz‘ schwachen Punkt: Ihre Tochter Isabel.

Das Ganze erzählt Richard Lange knapp und schnörkellos aus mehreren Perspektiven. Interessant dabei fand ich, dass er bei den Perspektivwechseln teilweise die letzten Momente der vorhergehenden Perspektive wiederholt und mit neuem Blick erzählt und somit auch die Figurenentwicklung voranbringt.

Angel Baby ist insgesamt ein echter Pageturner. Lediglich gegen Ende waren mir die Wendungen schon fast ein paar zu viel. Außerdem, was sagt es über mich aus, wenn ich mit Happy Ends immer ein wenig unzufrieden bin?

 

Wiley Cash | Schaut nicht zurück


Ebenfalls um eine Familienzusammenführung geht es in Wiley Cashs Thriller Schaut nicht zurück. Wade Chesterfield hat vor Jahren das Sorgerecht an seinen Kindern abgegeben. Easter und Ruby, inzwischen 12 und 6 Jahre alt, sind in nicht gerade rosigen Verhältnissen bei ihrer Mutter aufgewachsen. Doch diese ist vor kurzem an einer Überdosis verstorben und die beiden Mädchen leben nun in einem Kinderheim in Gastonia, North Carolina. Ihre Großeltern aus dem fernen Alaska, die ihre Enkel noch nie gesehen haben, bemühen sich gerade um das Sorgerecht. Wade hat keine großen Chancen, seine Kinder wiederbekommen. Daher klopft er eines Nachts an das Fenster des Zimmers der beiden und nimmt sie kurzerhand in Pyjamas mit.

Somit ist die Familie auf der Flucht, aber zum Ärger von Easters und Rubys gesetzlichem Vormund, Ex-Cop Brady Weller, arbeitet die Polizei nicht gerade mit Nachdruck an dem Fall, weil bei einem Überfall auf einen Geldtransporter Millionen Dollar geraubt wurden. Durch einen Zufall ist Wade allerdings, ohne am Überfall beteiligt gewesen zu sein, an einen Teil der Beute gekommen und der Auftraggeber des Überfalls, die lokale Gangstergröße Tommy Broughton, hetzt den unberechenbaren Robert Pruitt, der auch noch eine persönliche Rechnung mit Wade offen hat, hinter der Familie her.

Autor Cash hat diesen Roman mit drei Ich-Erzählern konzipiert, die sich regelmäßig abwechseln. Dies sind Easter Quillby, Brady Weller und Robert Pruitt, wobei Pruitt deutlich seltener zu Wort kommt. Die Story ist verglichen mit Angel Baby deutlich weniger temporeich und stellenweise bedächtig, wenn Robert Pruitt nicht zwischendurch sein Unwesen treiben würde. Stattdessen geht es in diesem Roman auch viel um zerbrochene Familien und verlorenes Vertrauen, das behutsam zurückgewonnen werden muss.

Eine große Rolle spielt in diesem Roman auch Baseball. Ausgerechnet eine der wenigen Sportarten, von denen ich null Ahnung habe. So sind Wade und Pruitt ehemalige ambitionierte Baseballspieler, die es leider nicht ins Profigeschäft geschafft haben. Außerdem ist während des ganzen Buches das Rennen um den Home Run-Rekord zwischen Mark McGwire und Sammy Sosa Gesprächsthema (so konnte ich herausfinden, dass das Buch im Jahre 1998 spielt) und der Showdown findet dann auch im Stadion der St. Louis Cardinals statt, als McGwire den Rekord ausgerechnet gegen Sosas Chicago Cubs bricht.

Insgesamt ist Schaut nicht zurück aus meiner Sicht eine etwas unentschlossene und stellenweise vorhersehbare Mischung aus Familiendrama und Thriller. Die Thrillerelemente werden nur spärlich eingesetzt und dann ziemlich heftig und übertrieben. Außerdem konnten mich die Figuren nur zum Teil überzeugen, vor allem Pruitt bleibt als blindwütiger Rächer völlig oberflächlich.

 

Rezensionen und Foto von Gunnar Wolters.

 

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Schaut nicht zurück | Erschienen am 25. September 2014 im Fischer Verlag
ISBN 978-3-59619-444-5
352 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe
Wertung: 2.5 von 5.0

Angel Baby | Erschienen am 9. März 2015 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-45343-793-7
352 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3.5 von 5.0

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8 Gedanken zu “Rezensions-Doppel: Richard Lange ‚Angel Baby‘ & Wiley Cash ‚Schaut nicht zurück‘

  1. Hihi – über das Ende von Angel Baby sind wir zwei einer Meinung. Und ich finde man darf Happy Ends doof finden – gibt es doch in Büchern andauernd und sind langweilig. Und bei Angel Baby war es auch noch gewollt happy-endig, ein Nicht-Happy-End hätte gut zur Story gepasst und die Sache perfekt abgerundet. Aber ich lass jetzt das meckern… hab ich ja in meiner Rezi schon genug. :-)
    P.S.: Tolles Mini-Spezial übrigens – sollte ich mir auch mal überlegen. Ich klau gleich mal die Idee….

    1. Wobei bei den Krimis, die ich seit einiger Zeit lese, die Happy Ends eher in der Unterzahl sind…;-)
      Ja, dieses Format mit 2 in 1 gefällt mir auch, habe schon ein weiteres in Planung.

    2. Genau. Ich wollte unbedingt Malla Nunn lesen, aber vorne anfangen. Habe es nicht bereut. Steam Pig habe ich gestern angefangen, ist anders, liest sich aber auch gut.

    3. Den Ansatz mit vorne anfangen bei Mall Nunn hatte ich auch, aber dann war schon Tal des Schweigens da… na ja, ich hab zumindest keine Probleme gehabt, in der Mitte einzusteigen, wie z. B. bei Kutscher.
      Steam Pig liegt noch hier und wartet… hach, und es gab so viele neue Bücher zu Weihnachten… Der SUB wird und wird nicht kleiner.
      Vielleicht mach ich auch mal wieder eine Themenwoche – das hatte ich schon lange nicht mehr. Im Januar aber nicht, da geht es jetzt erst mal ein wenig ruhiger zu.

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