Volker Kutscher | Der nasse Fisch

Der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig, er musste sich zusammenreißen. Das Geräusch der Tropfen nicht beachten, so laut es auch war. Tropfen, die auf einen harten, feuchten Boden fielen. Er wusste, dass es sein eigenes Blut war, das da auf den Beton tropfte. (Auszug Seite 11)

Volker Kutscher entführt uns in seinem Kriminalroman Der nasse Fisch in das Berlin des Jahres 1929. Sein Hauptprotagonist Gereon Rath fängt in Berlin als Kommissar bei der Sitte an. Er stammt ursprünglich aus Köln, hat dort aber im Dienst den Sohn eines bedeutenden Verlegers erschossen. Nach einer Hetzkampagne durch die Medien wurde er dank der Beziehungen seines Vaters nach Berlin „strafversetzt“. In der Hauptstadt muss der ehemalige Mordermittler sich unter anderem während der schweren Unruhen am 1. Mai erst mal profilieren. Die Maiunruhen, bei denen es durch die überforderte Polizei zu zahlreichen unbeteiligten Opfern kommt, werden später als Blutmai in die Geschichtsbücher eingehen.

Die Maiunruhen hielten auch am dritten Tag an. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Schupos, immer wieder fielen Schüsse. Auf den Straßen um Wedding und in Neukölln herrschte Krieg. Aus dem Baumaterial in der Hermannstraße waren Barrikaden errichtet worden, in einigen Straßenzügen sämtliche Straßenlaternen durch Steinwürfe außer Betrieb gesetzt. (Seite 67)

Als im Landwehrkanal die Leiche eines schwer misshandelten, unbekannten Mannes gefunden wird, meint der ehrgeizige Rath, diesen zu kennen. Er nutzt die Chance zur Mordkommission zu wechseln und ermittelt auf eigene Faust. Seine Recherchen führen ihn ins Berliner Nachtleben. Er findet eine Verbindung zu russischen Emigranten, die hinter geschmuggeltem Gold her sind, um damit Waffen zu kaufen. Da auch das organisierte Verbrechen hinter dem Gold her ist, begibt sich Rath in große Gefahr. Er verstrickt sich immer mehr in den Fall, erschießt in Notwehr einen Verfolger und versteckt die Leiche. Aufgrund seiner Vergangenheit in Köln versucht er die Tat zu vertuschen.

In seinem Auftaktband der bisher sechteiligen Reihe versteht es der Autor Volker Kutscher, ein schillerndes Portrait Berlins und der Weimarer Republik zu zeigen. Berlin galt damals als amerikanischste Stadt Europas, eine moderne, pulsierende Metropole. An der Seite des Neuberliners Gereon Rath erlebt der Leser eine Hauptstadt voller politischer und sozialer Spannungen und Umbrüche sowie ungezügelter Vergnügungssüchte. Die neuen Freiheiten ließen aber auch das Verbrechen erblühen. Berlin bildet die spannende Kulisse einer Gangstergeschichte mit den Umbrüchen dieser Zeit.

Der ambitionierte Autor hat wirklich akribisch recherchiert und den Zeitgeist der 30er Jahre gut wiedergegeben. Durch die umfassende historische Genauigkeit vermittelt er ein lebendiges Bild der Zeit und Schauplätze. Er benutzt das Vokabular der Zeit und setzt den Berliner Dialekt dosiert ein. Viele moderne Ansätze, wie zum Beispiel die sexuelle Freizügigkeit oder die Emanzipation der Frau, sind von unserer heutigen Zeit gar nicht so weit entfernt, wurden aber durch die Katastrophe des Dritten Reiches erst mal gestoppt. Der Nationalsozialismus mit seinen Symbolen taucht bisher nur ab und zu am Rande auf. Noch ahnen die Zeitgenossen um den in politischen Dingen völlig desinteressierte Rath noch nichts von der drohenden Katastrophe. Kutscher betont aber, dass es sich nicht um ein Geschichtsbuch handelt, bis auf wenige Ausnahmen ist sein Figurenpersonal auch rein fiktiv.

Mit seinem Hauptprotagonist ist Kutscher ein durchaus vielschichtiger, ambivalenter Charakter gelungen. Der gerissene Rath nimmt es oft mit der Wahrheit nicht so genau, hat aber immer die Gerechtigkeit im Sinn. Um den Fall aufzuklären, überschreitet er immer wieder Grenzen, arbeitet oft am Rande der Legalität, unter anderem auch mit Berliner Unterweltgrößen zusammen. Als seine Recherchen ihn in illegale Nachtclubs führen, nimmt er sogar Kokain, um nicht aufzufallen. Gereon verliebt sich in Charly, eine Stenotypistin der Mordkommission, was ihn nicht daran hindert, ihr Insiderwissen für seine eigenmächtigen Ermittlungen zu missbrauchen. Als ein nasser Fisch wird zu der Zeit übrigens ein ungelöster Fall genannt, passt aber auch auf den sich manchmal geschickt durchlavierenden Rath.

Das Besondere an diesem komplexen Krimi ist nicht unbedingt der Plot, der zwar wendungsreich aber in gemächlichem Tempo daherkommt, teilweise ausschweifend erzählt wird und zum Schluss in einem etwas konstruiertem Actionfinale mündet. Faszinierend fand ich, wie der Autor dem Leser anhand des politisch naiven Polizisten Rath aufzeigt, wie die politische Zerrissenheit, die Arbeitslosigkeit oder die Ängste vor den Kommunisten den Weg in eine Diktatur erst ermöglichten.
Kutscher erzählt flüssig, routiniert und spannend den Untergang der Weimarer Republik und ich bin sehr neugierig, wie es mit allen weitergeht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

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Der nasse Fisch | Die Taschenbuchausgabe erschien am 25. August 2008 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462040-22-7
560 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Anmerkung: Ab dem 28. Februar 2017 wird es Der nasse Fisch als Graphic Novel  von Arne Jysch und Volker Kutscher im Carlsen-Verlag geben, empfohlen für Leser ab 14 Jahren.

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Weimarer Republik.

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