Robert Baur | Mord in Metropolis

Berlin 1925. Die Goldenen Zwanziger haben die Reichshauptstadt fest im Griff. Die Inflation ist überstanden und Berlin dient als Kulisse für den teuersten Stummfilm aller Zeiten: Fritz Langs »Metropolis«. Doch Drohbriefe an die Hauptdarstellerin Brigitte Helm werfen ihre Schatten voraus. Kurze Zeit später wird eine tote Komparsin auf dem Gelände in Neubabelsberg entdeckt. Exkommissar Robert Grenfeld ermittelt im Umfeld der Filmkulissen und taucht ein in die futuristische Großstadt.

Das Berlin der Weimarer Zeit ist Schauplatz einer stetig wachsenden Zahl von meist recht erfolgreichen Romanen, namentlich Kriminalromanen und Serien um unterschiedlichste Ermittler, denen eines gemeinsam ist, nämlich der historische Hintergrund, die hitzigen, überspannten und überdrehten ruhe- und rastlosen sogenannten „goldenen“ Zwanziger Jahre im Spannungsfeld zwischen bedrückend hoher Arbeitslosigkeit und deprimierender Armut, Not, Hunger auf der einen Seite und Reichtum, Prunk, Verschwendungs- und Vergnügungssucht, dem „Tanz auf dem Vulkan“ auf der anderen, eine außerordentlich interessante, höchst spannende Epoche mit politischen Wirren und gesellschaftlichen Umwälzungen vor der atemberaubenden Kulisse der vielleicht weltweit modernsten Stadt jener Zeit, einem Schmelztiegel der Kulturen, einem Anziehungspunkt für die Avantgarde, für viele fortschrittliche, moderne Zeitgenossen und erstaunlich emanzipierte „neue“ Frauen sowie nicht zuletzt für engagierte Künstler aller Art, aber auch für Flüchtlinge, vor allem aus Osteuropa, namentlich aus Russland.

Robert Baurs Mord in Metropolis entführt uns in das Jahr 1925, gerade ist die Weltwirtschaftskrise mit ihrer Hyperinflation in Deutschland überwunden, und in Berlin macht man die Nacht zum Tage, lauscht den neuen Tönen der Jazzmusik oder launigen Schlagern mit an DADA angelehnten Nonsenstexten oder amüsiert sich in den großen Revuen, in glamourösen Tanzpalästen tobt man sich bei ekstatischen Tänzen wie Charleston, Shimmy und Black Bottom aus, zu Tausenden strömen die Menschen in den Sportpalast zu den äußerst beliebten Sechstagerennen, und Millionen Besucher füllen die soeben neu eröffneten riesigen Lichtspielhäuser, denn nirgendwo in Europa werden in jenen Tagen so viele Filme gedreht wie in Deutschland.

In den Neubabelsberger Studios der UFA dreht der große Fritz Lang gerade den monumentalen Stummfilm Metropolis, ein gewaltiges Werk und heute als eines der Wichtigsten der Filmgeschichte angesehen, damals eines der teuersten seiner Zeit, eine Produktion, die wohl auch dazu beitrug, die Filmgesellschaft in den Ruin zu treiben, was letztlich zur Übernahme der UFA durch den rechtsnationalen Verleger Alfred Hugenberg führte. Dem Regisseur sind die ausufernden Kosten gleichgültig, aber er gerät in Konflikt mit dem Produzenten und den Geldgebern im Hintergrund, denen die Unsummen, die das gewaltige Projekt verschlingt, erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Zudem werden die Dreharbeiten offensichtlich sabotiert, und es gibt rätselhafte Drohbriefe an die Hauptdarstellerin, den kommenden Star Brigitte Helm. Auf Seiten der Polizei nimmt man diese nicht ernst, aber Kriminalpolizeirat Ernst Gennat, der gerade mit dem Aufbau einer zentralen Mordkommission betraut ist, muss reagieren und bittet daher seinen Freund und ehemaligen Mitarbeiter Robert Grenfeld, sich in den Studios zu zeigen und ein wenig umzuhören, so dass er sagen kann, etwas veranlasst zu haben, in der Hoffnung, damit habe sich die Sache.

Der Ex-Kommissar hat sich seit einigen Monaten ins Privatleben zurückgezogen, in eine selbst gewählte Einsiedelei, er meidet jede Gesellschaft und verlässt das Haus, eine großzügige Villa im Grunewald, lediglich für gelegentliche einsame Spaziergänge. Finanziell ist er unabhängig, seine Frau Helen hat ein riesiges Vermögen mit in die Ehe gebracht und arbeitet eigentlich nur aus Neigung als Modeschöpferin, stattet Filmdiven und ganze Revuen aus. Für beide ist dieser Reichtum nie eine Belastung gewesen, sie bewegte sich völlig natürlich in ihren Kunst-, Film-und Modekreisen, er tauchte wie selbstverständlich jeden Tag in die dunkle Seite der Stadt ab, dafür respektierten und bewunderten sie sich gegenseitig. Aber nach zwanzig Jahren ist davon nicht viel geblieben, die Beziehung der beiden steckt in einer tiefen Krise, Helen ist ausgezogen, eine vorübergehende Trennung, gegenwärtig weilt sie in Ascona auf Einladung einer Tante, in einer Naturheilanstalt mit Sonderlingen aller Art, Vegetarier (ja, damals schon), Naturalisten, Nudisten, Pazifisten, Anarchisten…

Die Beschreibung des Alltags dieser merkwürdigen Sinn suchenden Idealisten und Naturmenschen, die abseits des Sanatoriums in einfachen Holzhäuser ohne Strom und fließend Wasser leben, gehört für mich zu den schönsten Kapiteln des Romans, auch wenn sie zur eigentlichen Geschichte nichts beiträgt. Ähnlich eine Passage, die wunderbar die Anfänge der wissenschaftlichen Psychoanalyse thematisiert.

Grenfeld, der seinem Mentor Gennat schließlich den Wunsch nicht abschlagen kann, taucht folglich ab in die ihm völlig fremde Welt des Films mit all den Mitwirkenden , die hier ihre mehr oder weniger wichtige Rolle spielen, auch wenn er sich nur äußerst widerstrebend in dieses Abenteuer hineinziehen lässt. Als dann aber eine Statistin ermordet wird, die für Probeaufnahmen an Stelle der Helm in das Kostüm der „Menschmaschine“ gestiegen ist, einem Roboter in Gestalt der Hauptrolle Maria, nimmt gezwungenermaßen eine große Mannschaft der Mordkommission die Ermittlungen auf, auch weil der Fall sofort außergewöhnliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet. Grenfeld soll den Beamten diskret helfen, um weitere Schlagzeilen zu vermeiden. Schon bei seinem ersten Besuch in den Filmateliers glaubt er einen Serienmörder entdeckt zu haben, der vor einiger Zeit mehrere Geldbriefträger umgebracht hat, und nach seiner Verhaftung Suizid beging. Tatsächlich stellt sich heraus, dass er den Selbstmordversuch überlebt hat und untergetaucht ist. Als bald nach dem ersten Opfer eine zweite Komparsin ermordet wird, sind die Ermittler alarmiert.

Grenfeld trifft eine ihrer Freundinnen, zu dritt waren die Mädels Stammgäste im „Romanischen Café“ und träumten von einer Karriere als Schauspielerin, bis sie fast in den Fängen eines dubiosen Verbrechersyndikats landeten, das arglose Mädchen mit Anzeigen lockt, sie könnten UFA-Star werden, tatsächlich aber als „Frischfleisch“ in die entsprechenden schmierigen Etablissements vermittelt wurden. Da die Freundinnen gedroht hatten, die Männer anzuzeigen, glaubt Mascha, so ihr Name, dass sie nun zum Schweigen gebracht werden sollen. Grenfeld glaubt nicht recht an diese Theorie, bringt aber die geheimnisvolle Mascha, die sich bald als eine Frau mit vielen Gesichtern herausstellt und offensichtlich Kontakte und Verbindungen zu den unterschiedlichsten Organisationen pflegt, auch zu einem mächtigen Ringverein, sicherheitshalber zu ihrem Schutz vorübergehend in seiner Wohnung unter.

Die Drahtzieher des Mädchenhändlerringes werden verhaftet, die Öffentlichkeit mit dieser Nachricht zunächst einmal beruhigt, aber die Mordkommission fahndet fieberhaft nach den wahren Tätern, allen voran Grenfeld. Seine Suche führt ihn an die unterschiedlichsten Schauplätze, an oft spektakuläre und vielfach höchst interessante Örtlichkeiten. Baur liefert herrliche Beschreibungen der Rummel und Tivolis, Impressionen aus Künstlerkneipen und von deren Gästen, von Musikern, Malern, Schriftstellern und Schauspielern. Neben der Darstellung edler Restaurationen finden sich auch Schilderungen der üblen Spelunken und Kaschemmen, in denen die Halbwelt verkehrt, Kleinkriminelle, Gauner, Betrüger, Dirnen und Luden oder der Treffpunkte der „Unterwelt“, wo sich in Hinterzimmern die Mitglieder der gut organisierten Ringvereine wie auch die mächtigen Drahtzieher hinter den Kulissen der wirklich üblen und deshalb auch lukrativen Verbrechen versammeln. Aber nicht nur sie und natürlich das Filmvolk werden porträtiert, sondern es haben auch eher „normale“ Bürger ihren interessanten Auftritt,

So sehen wir den Ex-Kommissar als Privatermittler zwar ab und zu im Präsidium bei seinen ehemaligen Kollegen und seinem ehemaligen Vorgesetzten, Freund und Förderer, dem berühmten Kriminalkommissar Ernst Gennat, vor allem aber in den unterschiedlichsten Milieus der quirligen Millionenstadt, deren Lebensgefühl Baur perfekt transportiert und deren faszinierenden Ansichten er dem Leser sehr lebendig näher bringt, das brodelnde Berlin mit seinen Kleinkunstbühnen, mit Nachtclubs und Bars, Ballhäusern, Weinlokalen und Teestuben, und einer gut organisierten kriminellen Szene, in der sich Grenfeld bemerkenswert sicher und selbstverständlich bewegt, wir belauschen aber auch sein Privatleben, das zur Zeit ein wenig aus den Fugen geraten ist und wir folgen ihm vor allem immer wieder in die faszinierende Filmwelt, in die grandiosen Kulissen, die von Erich Kettelhut geschaffenen gigantischen, kolossalen Bauten des futuristischen Molochs Metropolis mit seinen riesigen Wolkenkratzern.

Kettelhut ist nur eine der realen Figuren, er wird wie die Helm, wie Fritz Lang vor allem oder der Produktionsleiter der UFA, Erich Pommer und auch der berühmte Erich Gennat in einer fast biographischen Weise gezeichnet.

Wirklichkeit und Fiktion sind in Baurs Roman sehr geschickt verwoben, er hat ganz offensichtlich ausgesprochen akribische Recherche betrieben, ein höchst interessantes und sehr nützliches Literaturverzeichnis im Anhang verrät, wie mannigfaltig seine Quellen sind, und ein kurzes Kapitel „Geschichte und Geschichten“ gibt Aufschluss darüber, wie viele reale Informationen und Aussagen eingearbeitet wurden und was der Autor sich rund um diese spannenden historischen Tatsachen ausgedacht hat, um aus der Geschichtsstunde eine packende, unterhaltsame Geschichte zu machen.

Dabei erzählt Baur in meist kurzen Kapiteln mit viel Tempo, fast atemlos, fiebrig mitunter, so dass der Leser mitgerissen wird, in einer geschickt konstruierten, vielschichtigen Erzählung, in der durchaus harte, brutale Szenen sich mit anrührenden, fast poetischen Schilderungen abwechseln, wobei jeder Satz hervorragend formuliert ist, jede wechselnde Stimmung perfekt eingefangen, die Sprache ist ausdrucksstark, die Dialoge sind stimmig und authentisch. Kurzum, an diesem Roman gibt es nichts auszusetzen, er ist in jeder Hinsicht gelungen und macht Lust auf die Fortsetzung Engelsflug, die ebenfalls im Gmeiner Verlag erschienen ist – und darauf, sich den großartigen Film wieder einmal anzusehen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

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Mord in Metropolis | Erschienen am 5. Februar 2014 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-83921-546-3
374 Seiten | 11,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Ansehen: Filmtrailer zu Fritz Langs Metropolis von 1927 | Webseite zum Film

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Weimarer Republik.

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3 Gedanken zu “Robert Baur | Mord in Metropolis

  1. Schön, dass ich hier das Buch des Augsburger Autoren Robert (da freut sich die bloggende Augsburgerin) so positiv besprochen vorfinde – ich mag es auch sehr, es vermittelt wirklich sehr gut die Stimmungen, die Atmosphäre, die (vermutlich) Menschen und Gesellschaft in der Weimarer Republik prägte.

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