Donald Ray Pollock | Knockemstiff

Ich zog mir die dünne Decke über den Kopf und steckte mir die Finger in den Mund. Eine süßer, salziger Geschmack biss mir in die aufgeplatzte Lippe und zog über meine Zunge. Es war das Blut des Jungen, das noch an meinen Händen klebte.
Während das Bett meiner Eltern im Nebenzimmer laut gegen die Dielen stampfte, leckte ich mir das Blut von den Knöcheln. Die geronnenen Stückchen lösten sich im Mund auf und verwandelten meine Spucke in Sirup. Nachdem ich alles Blut heruntergeschluckt hatte, leckte ich weiter an meinen Händen. Ich riss mit den Zähnen an der Haut. Ich wollte mehr. Ich wollte immer mehr. (Auszug Seiten 26-27)

Eine ländliche Gegend im südlichen Ohio. Dünn besiedelt, wenig Arbeitsplätze. Hier leben die Abgehängten, die Außenseiter. Lebenswege, die nicht von Hoffnung und Zuversicht geprägt werden, sondern von Resignation, Ausweglosigkeit, Verwahrlosung und Gewalt. 18 Kurzgeschichten werden in Knockemstiff zu einem Erzählband zusammengefasst, der von einem Ort der Düsternis und Depression berichtet.

Die Ortschaft Knockemstiff ist kein fiktiver Ort, sondern liegt im Süden Ohios. Heute ist es mehr oder weniger eine Geisterstadt, doch Autor Donald Ray Pollock ist in Knockemstiff geboren und aufgewachsen. Ausgangspunkt für Knockemstiff war übrigens die Kurzgeschichte „Bactine“, die Pollock bei der Literaturzeitschrift der Ohio State University einreichte. Dort war man von der Geschichte so begeistert, dass man Pollock überredete, sich für einen Creative-Writing-Kurs an der Uni einzuschreiben. Schließlich veröffentlichte er im Alter von 54 Jahren im Jahr 2008 Knockemstiff als sein Debüt. Mit dieser Anthologie war Pollock direkt erfolgreich, er wurde mit Autoren wie Cormac McCarthy, Flannery O’Connor oder Sherwood Anderson verglichen. Zuletzt erschien im letzten Jahr sein Roman Die himmlische Tafel.

„Ich kann nicht behaupten, dass die Provinz Monster gebiert oder dass sogenannte Hinterwäldler gewalttätiger oder bösartiger als Leute wären, die in der Stadt wohnen. Es ist nur so, dass Menschen, die nicht besonders gut ausgebildet sind und in der ländlichen Abgeschiedenheit leben, ein gewisses Gefühl der Ausweglosigkeit verspüren, das sie möglicherweise unkontrolliert aggressiver werden lässt. Das Internet und das Fernsehen haben die Sache heute vielleicht etwas weniger dramatisch gemacht, aber meine zwei Bücher spielen ja auch in der Zeit, als ich ein junger Mann war, in den 1960er- und 1970er-Jahren.“ So wird Pollock in einem Beitrag des österreichischen Standard zitiert und beschreibt damit selbst ziemlich präzise, worum es in Knockemstiff geht. Auch der Name der Ortschaft, der soviel wie „Schlag ihn tot“ bedeutet, gibt die Richtung vor. Es ist eine deprimierende Erzählung der Trostlosigkeit, des Abgleitens in den Wahnsinn.

Pollock lässt in den 18 Kurzgeschichten verschiedene Personen berichten, mal in Form eines Ich-Erzählers, mal durch einen auktorialen Erzähler. Einige Personen tauchen auch an mehreren Stellen auf, aber die Geschichten bauen nicht aufeinander auf. Allerdings fungieren die erste und letzte Geschichte als eine Art Klammer. Es geht um Gewalt in vielen Ausprägungen, zerbrochene Familienstrukturen, Armut, Verwahrlosung, Alkoholsucht, Medikamentenmissbrauch. Der Autor erzählt dies alles in einer lakonischen, fast beiläufigen Art, die aber viel deprimierender wirkt als so manche Sozialprosa. Hier gibt es weit und breit keinen Lichtstreif am Horizont.

„Wie du meinst. Und warum bist du nach Florida gefahren?“
„Ach, keine Ahnung“, antwortete Del. „Ich hatte da dieses Buch gelesen. Wir haben wohl nach einem besseren Leben gesucht, könnte man sagen.“
„Und, habt ihr es gefunden?“
„Nein, war ja nur ein bescheuertes Buch. Hab seitdem keins mehr gelesen.“ (Seite 137)

Dieses Buch ist garantiert nichts für Schwermütige, denn die Kurzgeschichten bilden so etwas wie die Essenz der Ausweglosigkeit. Knockemstiff ist stellenweise schwer verdaulich, eine Zumutung, aber oft auch ziemlich brillant. Donald Ray Pollock zeichnet trotz mancher Überspitzung ein realistisch wirkendes Bild des White Trash.

Kummer, Spott und Nachtschichten hatten sie in einen Kaffee verschüttenden Zombie verwandelt. Man hätte ihr ein Kreuz an die Stirn nageln können, ohne dass die Frau auch nur mit der Wimper gezuckt hätte. Ohne auf eine Antwort zu warten, machte sie kehrt und schlurfte zu der glänzenden Theke zurück. Ihre weiße Kellnerinnenhose hing am Hintern durch und war voller Kaffeeflecken und Doughnutfett. Wäre ich ein Mann, der sich um ein öffentliches Amt bemüht, ich würde auf Personen wie sie setzen. (Seite 147).

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Knockemstiff | Die Taschenbuchausgabe erschien am 9. Februar 2015 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-45367-678-7
256 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Donals Ray Pollocks Roman Die himmlische Tafel

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Country Noir.

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7 Gedanken zu “Donald Ray Pollock | Knockemstiff

  1. Brillant ist das richtige Wort. Auch wenn das wirklich kein Lesestoff für sehr sensible Menschen ist – aber alle, die mit diesem Fatalismus und der Nüchternheit, mit der Pollock die (real existierenden) Lebensumstände zeichnet, zurechtkommen, werden diesen Autoren und seine Bücher nicht so schnell vergessen…

    1. Da gebe ich dir vollkommen recht. Wobei, hast du sein letztes Buch, „Die himmlische Tafel“, gelesen? Das war im Vergleich zu den Vorgängern fast schon heiter…;-)

  2. Ich muss gestehen, dass mich „Das Handwerk des Teufels“ nicht gänzlich überzeugen konnte. Aber vielleicht war es das falsche Buch zur falschen Zeit. Bin derzeit mehr als geneigt, es nochmal zu lesen und Pollock damit eine zweite Chance zu geben. Oft kann ja auch ein Zeitpunkt ausschlaggebend sein. – Schöne Rezension übrigens! :-)

    1. Das war so ein bisschen das Problem. Ich weiß eben nicht genau, woran es lag. Normalerweise hätte es mir gefallen müssen, aber irgendwie befiel mich während der Lektüre eine gewisse Teilnahmslosigkeit. Vielleicht auch weil Pollock streckenweise ebenso teilnahmslos schreibt. Es kann aber auch sein, dass ich nach dem „Red-Riding-Quartett“, das ich kurz zuvor gelesen hatte, erstmal in Punkto seelenloser Schwärze übersättigt war. Wie dem auch sei: Ich werde hier bei gegebener Zeit eine zweiten Versuch starten.

    2. Das war so ein bisschen das Problem. Ich weiß eben nicht genau, woran es lag. Normalerweise hätte es mir gefallen müssen, aber irgendwie befiel mich während der Lektüre eine gewisse Teilnahmslosigkeit. Vielleicht auch weil Pollock streckenweise ebenso teilnahmslos schreibt. Es kann aber auch sein, dass ich nach dem „Red-Riding-Quartett“, das ich kurz zuvor gelesen hatte, erstmal in Punkto Düsternis übersättigt war. Wie dem auch sei: Ich werde hier bei gegebener Zeit eine zweiten Versuch starten.

  3. Stimmt, „Die himmlische Tafel“ ist fast schon heiter – und reicht gerade deswegen für mich nicht ganz an Knockemstiff und Das Handwerk des Teufels heran – gerade dieses fand ich in seiner ausweglosen Düsternis auch grandios, vielleicht ist es aber wirklich so, dass die Erzählung Pollocks stärkeres Medium ist …

Gedanken dazu

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