Graeme Macrae Burnet | Sein blutiges Projekt

Wenn es das Schicksal wollte, dass Lachlan Broad durch meine Hand starb, dann würde es so geschehen. Erfolg und Ausgang meines Unternehmens lagen außerhalb meiner Kontrolle. So kam ich zu dem Schluss, wenn ich Lachlan Broad töten wollte, müsste ich zunächst einmal zu seinem Haus gehen. Außerdem brauchte ich eine Waffe, mit ich die Tat vollbringen konnte. Und was wäre dazu besser geeignet als die Feldhacke, die die Vorsehung mir in die Hand gegeben hatte? Als ich am oberen Teil des Feldes ankam, sah ich einen Spitzspaten, der an der Hauswand lehnte, und den nahm ich noch dazu. Dann machte ich mich auf den Weg zum anderen Ende des Dorfes. Ich redete mir ein, dass ich nicht vorhatte, Lachlan Broad zu ermorden, sondern lediglich herausfinden wollte, was passieren würde, wenn ich seinem Haus derart bewaffnet einen Besuch abstattete. (Auszug Seite 184-185)

Ein kleines, küstennahes schottisches Bauerndorf wird im August des Jahres 1869 Schauplatz eines dreifachen Mordes. Der Dorfvorsteher Lachlan Mackenzie, seine 15-jährige Tochter und sein dreijähriger Sohn werden in ihrem Haus brutal ermordet. Der Täter stellt sich selbst unmittelbar nach der Tat. Es ist der 17-jährige Nachbarssohn Roderick Macrae. Er wird inhaftiert und angeklagt. Doch sein Anwalt verfolgt eine Strategie: Er will Rodericks Unzurechnungsfähigkeit beweisen, um ihn vor dem Galgen zu bewahren.

Wenn man das Buch unvoreingenommen beginnt, wird man vom Autor direkt mal ganz schön hinters Licht geführt. In einem Vorwort behauptet Graeme Macrae Burnet nämlich, dass diese Geschichte auf wahren Ereignissen und echten Dokumenten beruht, herausgefunden im Rahmen von Familienrecherchen. Das zieht er dann auch konsequent durch. Er löst es eigentlich (etwas halbherzig) erst in der Danksagung auf, als er erwähnt, dass es lediglich zwei Figuren gibt, die realen Personen nachempfunden sind. Die Konsequenz aus der True-Crime-Behauptung ist der sehr ungewöhnliche Aufbau des Buches.

Nach dem Vorwort folgen zunächst Aussagen der Einwohner von Culduie zur Tat und zu Roderick Macrae. Danach kommen die Aufzeichnungen des Angeklagten, in der Haft verfasst, in denen er seine Sicht der Ereignisse schildert. Dies nimmt ungefähr die Hälfte des Buches ein. Es folgen die medizinische Gutachten und eine Schilderung des Psychologen Thomson. Abschließend kommt dann die Darstellung des Prozesses. Dieser sachbuchartige Aufbau bietet aber erheblichen Reiz. Dies sahen wohl auch die Juroren des Man Booker Prize, die diesen ungewöhnlichen Roman 2016 auf die Shortlist setzten. Für einen Kriminalroman immer noch eine außergewöhnliche Auszeichnung.

Die Aufzeichnungen des Roderick Macrae geben einen Einblick in das harte Leben zur damaligen Zeit im Nordwesten Schottlands. Die Familie bewirtschaftet ein karges Stück Land in Culduie. Roderick hat eine jüngere Schwester, der Vater ist ein gefühlskalter Stoiker, die Mutter lebensfroh und das Herz der Familie. Allerdings stirbt sie zwei Jahre vor den Ereignissen bei der Geburt von Zwillingen. Danach geht es nur noch bergab mit der Familie. Begünstigt wird dies dadurch, dass Lachlan Mackenzie, genannt Lachlan Broad, neuer Constable, so etwas wie ein Dorfvorsteher und Handlanger des Gutsverwalters, wird. Er hat die Familie und besonders Roderick auf dem Kieker, schikaniert und benachteiligt sie. Dies wird auch als primäres Motiv präsentiert, auch von Roderick selbst. Der Anwalt von Roderick sieht jedoch eine Chance für den Jungen, dem Todesurteil zu entkommen. Die Tat ist ungeheuer brutal, völlig untypisch für den ansonsten harmlosen Jungen. War er womöglich gar nicht Herr seiner Sinne, obwohl er die Tat bewusst erlebt hat und sie auch nicht leugnet? Das Trauma des Todes der geliebten Mutter, die zunehmende Verwahrlosung der Familie – sind dies Zeichen für eine psychologische Störung? Fast ist man als Leser geneigt, dieser Linie zu folgen. Doch dann holt Graeme Macrae Burnet ziemlich zum Schluss ein ganz anderes mögliches Motiv hervor und das ist schon ein Paukenschlag. Allerdings wird einem hinterher bewusst, dass zwischendurch immer wieder Hinweise gelegt wurden. Raffiniert.

Sein blutiges Projekt bietet einigen Stoff für Liebhaber ganz verschiedener Gattungen der Kriminalliteratur: Historisches mit der Darstellung der sozialen Verhältnisse im ländlichen Schottland des 19. Jahrhunderts, Psychologisches mit den Beziehungen der Figuren und der entscheidenden Frage nach dem Motiv und auch ein spannendes Justizdrama. All das hervorragend komponiert in einem Fake-True-Crime-Gewand. Ein wirklich hervorragender Roman, von mir gibt es eine klare Empfehlung.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Sein blutiges Projekt | Erschienen am 1. Februar 2017 im Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-055-4
344 Seiten | 17,90 Euro
Bibliographische Angaben  & Leseprobe

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4 Gedanken zu “Graeme Macrae Burnet | Sein blutiges Projekt

    1. Haha… nein, nein, hab ich aber eben als erstes gelesen und hab zweimal gucken müssen. Deshalb musste ich das noch drunter kommentieren. Aber auch „Fake-True-Crime“ ist ja eine unheimlich gute Wortkreation.

    2. Aber ich meine, dass ich die Kreation irgendwo abgeguckt habe. Bei Marcus Müntefering bei Spiegel Online, glaube ich.

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