Monika Geier | Alles so hell da vorn

„Frau Boll, ich verstehe Ihre Bedenken, das hier ist kein guter Ort“, begann Guhl.
„Das ist ein Kinderpuff!“, rief Bettina.
Guhl blinzelte.
„Ja“, sprach Bettina streitlustig, bevor Härtling ihre Anwesenheit, ihr Benehmen, ihre ganze Existenz herunterspielen konnte, das wollte er nämlich, stand ihm auf die Stirn geschrieben. „Gucken Sie sich die Mädchen doch an![…]“
„Diese Kinder sind alle erwachsen“, sagte Thot in einem überaus beschwichtigendem Tonfall, der eigentlich nur ironisch gemeint sein konnte. […]
Wenn Sie möchten, Frau Boll“, sprach Guhl im selben Ton weiter, „können Sie gerne mit den Mädchen sprechen. Versuchen Sie es einfach mal, wir wären Ihnen dankbar für alles, was Sie herausfinden.“ Damit wandte er sich abrupt von ihr ab und Härting zu, so dass sie nur noch seinen Rücken sah.
Sie war abserviert. Also drehte sie sich um und ging raus, hier drin war es sowieso zum Ersticken.
„…Frauen gehören einfach nicht mit in den Puff“, hörte sie Härtling von weitem. (Auszug Seiten 34-35)

Mitten in der Nacht wird Kommissarin Bettina Boll aus dem Bett geholt und fährt mit ihrem Chef an einen Tatort in einem Frankfurter Bordell. Dort wurde ihr Kollege Ackermann vor einer Prostituierten mit seiner Dienstwaffe erschossen. Allerdings war er wohl offensichtlich nicht im Dienst. Die junge Hure namens Manga hat anschließend noch einen Typen der Security erschossen, aber offenbar selbst die Polizei gerufen. Doch ihre Mission ist noch nicht zu Ende.

Manga lässt sich von einem Lastwagenfahrer bis in die Nähe des kleinen Pfälzer Ortes Höhbrücken mitnehmen. Dort fragt sie nach einem „Gutvatter“ und wird direkt an den örtlichen Grundschuldirektor verwiesen. Ohne zu zögern betritt Manga eine Theateraufführung in der Aula und erschießt Gutvatter. Anschließend lässt sie sich festnehmen und behauptet, Meggie zu sein, ein Mädchen, das vor zehn Jahren in diesem Ort spurlos verschwand.

Drei Morde, davon einer an einem Polizisten außerhalb eines Einsatzes in einem zwielichtigen Bordell, eine scheinbar wiederaufgetauchte Verschwundene und auch noch zwei vermutlich minderjährige Prostituierte, die nach den Vorfällen in ihrem Puff ohne Schutz unterwegs sind. Ganz schön viel zu tun für Kriminalkommissarin Bettina Boll, zumal sie eigentlich nur halbtags arbeitet und nicht die Einsatzleitung inne hat. Allerdings ist ihr Chef schwer erkrankt, so dass sie aus ihrer Dienststelle in Ludwigshafen als einzige Mordermittlerin die Verbindung zu den komplexen Bundesländer übergreifenden Ermittlungen hält.

Boll wird in der Soko wenig zugetraut und teilweise angefeindet. Besonders bei ihren Kollegen der Dienststelle Pirmasens (mit urpfälzischem Dialekt) ist sie besonders schlecht gelitten. Ihre unkonventionelle Art erweist sich jedoch als erfolgreich. Boll muss zudem zeitgleich als Alleinerziehende auf ihre pubertierenden Stiefkinder aufpassen und außerdem den Verkauf des etwas unheimlichen Hauses ihrer verstorbenen Tante in die Wege leiten, um endlich zu dringend benötigtem Geld zu kommen.

Das klingt alles ein wenig viel und doch hält Autorin Monika Geier die Fäden zusammen, obwohl manches durchaus nebulös bleibt. Sie begleitet ihre Hauptfigur eng durch die Geschichte, ab und zu unterbrochen durch Schilderungen der jungen Prostituierten Manga. Der Fall oder besser die Fälle sind komplex und bringen Bettina Boll an die Leistungsgrenze. Es geht um Kindesmissbrauch und Zwangsprostitution, und in irgendeiner Weise sind auch Personen aus staatlichen Behörden involviert. Durch den Mord an ihrem vertrauten Kollegen birgt der Fall auch eine persönliche Komponente. Die Autorin erzählt dies alles in einer direkten Art, mit viel Einfühlungsvermögen für die einzelnen Figuren, sehr starken Dialogen, aber stellenweise auch mit bissigem Witz.

Alles so hell da vorn ist bereits der siebte Band mit Kommissarin Bettina Boll und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch keinen vorherigen gelesen habe. Leider. Denn dieser Krimi ist wirklich richtig stark. Vor allem, wenn man sich so ein paar Zutaten zu diesem Buch vergegenwärtigt (Halbtags arbeitende Kommissarin, durchaus einiges privates Gedöns, Pfälzer Provinz) – da hätten manch andere Autoren möglicherweise ein ziemlich laues Krimistück draus gestrickt. Doch weit gefehlt, dieses Buch ist genauso wie die Hauptfigur: Rau, widerborstig, etwas chaotisch, aber auch empathisch, unermüdlich, anständig, integer. Kurzum: Ein verdammt guter deutscher Krimi.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Alles so hell da vorn, erschienen am 08.05.2017 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-223-4
416 Seiten | 13.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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2 Gedanken zu “Monika Geier | Alles so hell da vorn

  1. Ich kenne die Autorin bisher auch so gar nicht, habe aber letztens auch eine euphorische Rezension gelesen. Ein bisschen hat mich abgeschreckt, dass das schon der siebte Band ist…

    1. Ja, ist für mich auch unüblich, dass ich bei Band 7 einsteige. Ich würde nicht sagen, dass der Einstieg problemlos ist, denn man merkt, dass die Figuren eine Vorgeschichte haben, aber erläutert wird dies kaum. Trotzdem fand ich das Buch hervorragend, weil es unkonventionell ist, ohne ins Unrealistische abzudriften.

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