Joakim Zander | Der Bruder

„Also, wie lang dauert es, Fuchs?“ Er zuckt mit den Schultern. „Zehn Sekunden für den Tankdeckel, ein paar Minuten für die Tür, mehr nicht.“ „Und dann?“ „Alles easy, nur ein paar Minuten. Chill, Alter. I get this.“ Wir sehen uns an und können uns das Grinsen nicht verkneifen, können nicht verbergen, wie sehr wir uns darauf gefreut haben, auf den Frühling, auf das Ghettoleben. Also schwärmen wir aus in das gelbe Licht des Parkplatzes und schweben lautlos auf den Audi zu, nur auf die Rache konzentriert, auf das Chaos. (Auszug Seiten 44/45)

Triste schwedische Vorstadt gegen New Yorker Lifestyle

Die Geschwister Fadi und Yasmine Ajam leben mit ihren Eltern als afghanische Einwanderer in einem Stockholmer Vorort. Bergort ist eine triste und graue Trabantenstadt. Die Kinder sind sich meist selbst überlassen und haben eine enge Beziehung zueinander. Eines Tages flieht Yasmine aus diesem Ghetto und ihrem Leben als Migrantin. In New York arbeitet sie für eine PR-Agentur als Expertin für aktuelle Trends und lässt ihren geliebten kleinen Bruder zurück. Fadi verliert seinen letzten Halt und gerät in die Fänge von radikalen Islamisten.

Bei der Terrorgruppe findet er Anerkennung, fühlt sich verstanden und will sogar in den „heiligen“ Krieg ziehen. Über den Umweg Türkei landet er ohne militärisches Training in Syrien mit dem Auftrag, einen Verräter zu identifizieren. Schnell folgt die Ernüchterung, als er bei einem Sprengstoffanschlag, bei dem seine gesamte Gruppe getötet wird, nur knapp mit dem Leben davon kommt. Fadi erkennt enttäuscht, dass ihnen eine Falle gestellt wurde und dass er von seinen angeblichen schwedischen Freunden instrumentalisiert wurde. Er kehrt heimlich nach Bergort zurück um sich zu rächen.

Ich weiß nicht, warum, aber mein Herz schlägt schneller. Sie überwältigen mich, diese Jungs mit ihren Masken und ihren schwarzen, staubigen Uniformen. Nicht mit dem, was sie sagen, denn es ist eigentlich nichts Neues, genau darüber jammern die Leute auf dem Platz schon seit hundert Jahren. Doch in dem Film jammern und zetern sie eben nicht. Sie sprechen Schwedisch wie ich, sie sind wie ich. Aber sie sitzen dort, im syrischen Staub, mit ihren Waffen und den schwarzen Uniformen, vielleicht sind sie gerade erst aus dem Kampf zurückgekehrt. (Seite 71)

Yasmine erfährt, dass ihr Bruder in Syrien als „Gotteskrieger“ umgekommen sein soll und reist sofort nach Schweden zurück. Kurz darauf erhält sie Fotos, die darauf hinweisen, dass Fadi noch lebt und sie beginnt ihn zu suchen. Was hat es mit dem Logo einer roten Faust auf sich, dass sich auf den Fotos und überall in den Straßen wiederfindet? Yazz gerät sofort in die eskalierenden Vorstadtunruhen denn in Bergort brennen die Straßen und die überforderte Polizei kämpft gegen radikalisierte Jugendliche. Diese haben sich bewaffnet und randalieren. Handelt es sich hier wirklich um spontane Jugendrandale oder wurden diese vielmehr planvoll von außen gesteuert? Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich immer mehr heraus, dass hier eine russische Sicherheitsfirma mit wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund die Strippen zieht. Es werden gezielt Krawalle provoziert um ein bestimmtes gesellschaftliches Klima zu erreichen.

Showdown in Schweden

Dieses wird abwechselnd in zwei Zeitebenen geschildert, die mit Datum und Namen überschrieben sind. Einmal wird aus Fadis Sicht vom Winter 2011 bis in die Gegenwart berichtet. In einem anderen, aktuellen Handlungsstrang erfährt der Leser von Yasmine und in einem weiteren Strang von Klara Walldéen, die der Leser noch aus dem ersten Teil der Reihe kennt. Die ehemalige EU-Referentin leidet immer noch unter den dramatischen Erlebnissen mit dem Killerkommando aus dem ersten Band. Inzwischen arbeitet sie in London für eine Menschenrechtsorganisation. Rund um ihr aktuelles Projekt, bei dem sie eine Expertise zu Sicherheitsfragen in der EU erstellen soll, geschehen seltsame Dinge. Unter anderem wird vor einer Konferenz in Stockholm ihr Laptop gestohlen, um kurz darauf wieder aufzutauchen. Als ein Kollege unter nicht ganz geklärten Umständen ums Leben kommt, führt eine Spur Klara nach Stockholm. Hier treffen die beiden Frauen zufällig aufeinander und geraten in große Gefahr.

Der schmutzige Lobbyismus

Indem Zander über die Radikalisierung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in den Vorstädten berichtet, hat er eine aktuelle Thematik behandelt. Man sieht es vor sich, wie die Spannungen sich in sozialen Brennpunkten aufbauen und kann sich vorstellen, dass es in vielen Großstädten ähnlich zugeht. Eindringlich schildert er die anfänglichen Versuche dazuzugehören, gefolgt von der Frustration, wenn dieses nicht gelingt. Gespannt verfolgt man, wie dieser Handlungsstrang mit dem zweiten Thema, bei dem es wieder um Lobbyisten und die Durchsetzung ihrer Interessen geht, zusammengeführt wird. Ich war wirklich sehr neugierig, wie die unterschiedlichen Zeitachsen aufeinander treffen, muss aber eingestehen, dass die komplexe Story einem viel Konzentration abverlangt.

Zander erzählt in kurzen Kapiteln, großem Tempo und sprachlich auf hohem Niveau. Trotzdem fehlte mir auf weiten Strecken das Krimielement, da hier die politischen und sozialen Verhältnisse stark im Vordergrund stehen.

Zum Schluss hängen alle Handlungsstränge irgendwie zusammen. Die inszenierten Jugendkrawalle, das manipulierte EU-Rechtsgutachten, die Geheimdienstaktivitäten, die von der Trend-Agentur etablierten Jugendtrends, die radikalen Islamisten sowie die privaten Sicherheitskräfte. Zander spielt mit den Gegensätzen, hier das New Yorker Bohème, der hippe Job des Trendscouts, dort die deprimierende Trabantenstadt. Der Handlung kann man problemlos folgen, ohne Band Eins gelesen zu haben, da es eine in sich abgeschlossene Geschichte ist.

Die Charaktere sind glaubhaft und gut ausgeleuchtet, besonders Fadi, da aus seiner Perspektive erzählt wird. Klara wird als normaler Mensch mit Fehlern und nicht als perfekte Superheldin beschrieben. Ihre Figur ist noch komplexer geworden und sie hat inzwischen mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Es fällt auf, dass Zander viele starke Frauenfiguren in seine Thrillern installiert.

Der Autor

Joakim Zander wurde 1975 in Stockholm geboren und lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in Lund. Zander, der ein großer Fan von Spionage-Storys ist, langweilte sich nach zehn Jahren in seinem Job für die EU und begann, sehr diszipliniert mindestens eintausend Wörter pro Tag zu schreiben. So entstand sein erster Thriller, der 2014 unter dem Titel Der Schwimmer in Deutschland erschien. Die Heldin dieses Debüts, die EU-Referentin Klara Walldéen kommt auch in dem vorliegenden Nachfolgeroman vor, der für den Schwedischen Krimipreis nominiert wurde. Der Autor etablierte einen Schreib-Workshop in einem Vorort von Malmö und gab den Jugendlichen dieses sozialen Brennpunktes das erste Kapitel zu lesen, da ihm das Feedback, besonders in Bezug auf die Sprache, sehr wichtig war.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Der Bruder | Erschienen am 24. Juni 2016 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-26889-2
464 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Band 1, Der Schwimmer

Advertisements

Gedanken dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s