Abgehakt | September 2017

Oft fehlt uns die Zeit, alle guten Titel zu besprechen, die man aber doch gerne vorstellen mag. Oder aber es gelingt einem nicht, eine längere Rezension zu verfassen, weil das gelesene Werk einen etwas ratlos zurücklässt. So haben wir uns entschieden, neben den Aktennotizen eine weitere Kategorie einzuführen, und zwar

Abgehakt – Krimis kurz besprochen.

In regelmäßigen Abständen – planmäßig einmal im Quartal – stellen wir euch jeweils mehrere Titel in Form von Kurzrezensionen vor. Manche Titel haben einen  Empfehlungscharakter, andere sind Stoff für Diskussionen. Dazu laden wir ausdrücklich ein.

 

Gary Victor | Suff und Sühne

Inspektor Dieuswalwe Azémar steckt mitten in einer für ihn horrorhaften Entziehungskur, als er mit einem unglaublichen Vorwurf konfrontiert wird: Er soll den brasilianischen General Racelba, Chef der UNO-Truppen auf Haiti, ermordet haben. Eigentlich völlig abwegig, war doch der General einer der wenigen, die gegen Korruption, Misswirtschaft und Machtmissbrauch vorgegangen waren. Doch die Beweise scheinen eindeutig und Azémar hat extreme Gedächtnislücken. Von jetzt auf gleich steckt Azémar mitten in einem Komplott, in dem er nur mit hohem Risiko und moralischer Flexibilität bestehen kann.

Wieder mal ein Polizist mit Alkoholproblemen, mögen sich einige denken. Aber diesen sei gesagt: So etwas wie diese Krimis um Dieuswalwe Azémar gibt es kein zweites Mal. Schon der Schauplatz Haiti ist außergewöhnlich. Ein failed state wie er im Buche steht und Protagonist Azémar ist so etwas wie der Dirty Harry von Port-au-Prince. Autor Gary Victor schreibt hartgesotten, politisch und teilweise surrealistisch (schließlich ist Haiti für sein Voodoo berühmt-berüchtigt). In Suff und Sühne, dem drittten auf deutsch erschienen Azémar-Roman, nimmt Victor die Unregelmäßigkeiten der UN-Mission MINUSTAH zum Thema. Außerdem, der Titel verrät es, gibt es immer wieder Bezüge zu Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Eine starke Geschichte auf nur etwa 150 Seiten.

Suff und Sühne | Erschienen am 10. März 2017 bei Litradukt
ISBN 978-3-940-43520-0
160 Seiten | 11,90 Euro
Wertung: 4 von 5
Kategorie: gesellschaftskritischer Krimi
Rezension und Foto von Gunnar Wolters

 

Leonard Gardner | Fat City

Kalifornien in den 1950ern: In einem Box-Gym treffen sich zufällig der junge Ernie Munger und der etwas ältere Billy Tully auf eine Runde Sparring. Tully hat früher selbst geboxt, ist nun raus aus dem Geschäft. Aber nach dieser Runde Sparring animiert Billy Ernie zu einer Karriere im Boxring. Und auch er selbst will es noch einmal wissen.

Fat City erschien 1969, wurde 1972 von John Huston verfilmt und ist inzwischen ein moderner Klassiker. Es ist eine ziemlich pessimistische Working-Class-Geschichte, die Gardner erzählt. Zwei Boxer, der eine eigentlich am Ende, der andere am Anfang der Karriere. Und irgendwie machen sich beide etwas vor, insgeheim ahnen sie, dass sie es wohl kaum bis nach ganz oben schaffen werden. Ein melancholisches Buch über zerplatzte Träume, falsche Entscheidungen, ein hartes Leben. Der Sound ist durchaus stimmig und doch hat es bei mir nicht die ganz große Begeisterung ausgelöst. Es ist vielleicht etwas zu „glatt“ erzählt, irgendwie hat mir der letzte Biss, die letzte Konsequenz gefehlt. Trotzdem hat es mir ordentlich gefallen und wer mit dem Genre und Setting etwas anfangen kann, sollte das Buch mal selbst anlesen.

Fat City | Erstmals erschienen 1969
Die aktuelle Neuauflage erschien am 11. April 2017 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-05039-9
224 Seiten | 18.- Euro
Wertung: 3 von 5
Kategorie: noir/hardboiled
Rezension und Foto von Gunnar Wolters

 

Matthias Wittekindt | Der Unfall in der Rue Bisson

Ein tödlicher Autounfall auf einer Alleestraße im nordfranzösischen Fleurville. Ein vermeintlich einfacher Fall, doch Lieutenant Ohayon kommen einige Dinge merkwürdig vor. So ermittelt er im Freundeskreis des Toten, bei dem sich einige Personen ungewöhnlich verhalten.

Irgendjemand hat bei den Büchern von Autor Matthias Wittekindt den Begriff „Unschärfenarration“ geprägt. Genauso ging es mir auch bei Der Unfall in der Rue Bisson, vieles bleibt lange im Vagen. Ich habe mich sehr schwer getan, mich auf diese Geschichte einzulassen, denn Wittekindt wirft einem (zwar gekonnt, aber dennoch) nur Bruchstücke hin. Irgendwie geht es um (lose) Beziehungen, (verratene) Freundschaften und um einen Bauskandal. Glaube ich zumindest. Und gerade als ich diesen Ohayon zu mögen begann, gab es ein ziemlich maues Ende.

Der Unfall in der Rue Bisson | Erschienen am 31. Juni 2016 bei Edition Nautilus
ISBN: 978-3-960540182
224 Seiten | 16.- Euro
Wertung: 2.5 von 5
Kategorie: Krimi
Rezension und Foto von Gunnar Wolters

 

Gregor Weber | Asphaltseele

Gregor Weber ist vielen als Stefan Becker an der Seite von Heinz Dudenhöffer in der kabarettistischen Serie Familie Heinz Becker bekannt, anderen als der Lederjacke inzwischen entwachsene Kommissar Stefan Deininger im leider eingestellten Tatort Saarbrücken Team Deininger/Kappl. Dabei hat er neben der Schauspielerei noch weitere Fähigkeiten und Talente. Unter anderem ist er Reservist der Bundeswehr und war in der Vergangenheit auch im Kriegseinsatz. Des Weiteren hat er aus Interesse eine späte Ausbildung zum Koch gemacht und bereits ein Kochbuch veröffentlicht, Kochen ist Krieg. Über das Schreiben dieses Kochbuches kam er zum Krimi schreiben, wobei Asphaltseele sein Erstling ist.

Ermittler in diesem ersten Fall ist der unverhohlen gescheiterte Kommissar Ruben Rubeck, der im Frankfurter Bahnhofsviertel jeden Stein kennt und dort ebenfalls zuhause ist, eher ein bisschen zu sehr, denn er liebt das Rotlichtmilieu. Doch es ist günstig und er hat es nicht weit zur Arbeit, die Kneipen sind ebenfalls nicht weit und weibliche Zuneigung lehnt er nicht ab. Mehr aus purem Zufall gerät er auf offener Straße in eine Schießerei, welche noch weitreichende Konsequenzen für ihn haben wird, denn natürlich mischt sich der taffe Bulle ein und bekommt es dadurch mit einem kosovarischen Gangsterboss zu tun.

Gregor Weber schreibt flüssig und witzig, er schreibt über das, was er selbst kennt beziehungsweise gespielt hat. Ruben Rubeck war vor seiner Zivilfahnderkarriere acht Jahre bei der Bundeswehr und dort im Kriegseinsatz, ebenso wie der Autor. In eingerückten Passagen erfahren wir mehr von diesen Kriegserlebnissen. Es fiel mir jedoch etwas schwer, daraus Rückschlüsse auf den Charakter des Kommissars zu werfen. Insgesamt betrachtet steht dieser ganz im Vordergrund, ungeschönt, versoffen, Kette rauchend, irgendwie ein wenig abstoßend. Daher passt die etwas ungelenk eingewobene Liebesbeziehung meines Erachtens nach auch nicht so ganz in diesen Krimi, wobei ich dies generell eher unschön finde. Trotzdem würde ich wieder zu Gregor Weber greifen. Man hat beim Lesen seine Stimme im Ohr – und das ist auch gut so!

Asphaltseele | Erschienen am 12. September 2016 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-45327-020-6
240 Seiten | 14,99 Euro
Wertung: 3.5 von 5
Kategorie: Krimi
Rezension und Foto von Nora.

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5 Gedanken zu “Abgehakt | September 2017

  1. Wie schon auf Facebook gestern gesagt, ich finde die Umsetzung klasse! Sehr praktisch und sehr sinnvoll, und es motiviert mich, das für meinen Blog auch mal in Angriff zu nehmen, es gehen sonst so viele tolle Titeln unter, die man auch gerne, kurz vorstellen mag. Freue mich schon auf eure nächste Runde! :)

    „Fat City“ fand ich jetzt besonders aufschlussreich, ich hatte das Buch schon einige Male in der Hand, war aber immer unentschlossen. Mal gucken, reizt mich ja schon irgendwie.

    Bei Gary Victor möchte ich in diesem Jahr gerne noch weiterlesen, ich habe ja bisher nur den ersten Roman um Azémar gelesen, teile die Begeisterung aber absolut!

    1. Nochmal vielen Dank für dein Feedback. Du hast völlig recht, es würden sonst einige Titel echt untergehen.
      Bei „Fat City“ könnte es gut sein, dass bei dir der letzte Funke überspringt, der bei mir gefehlt hat. Es ist nämlich definitiv kein schlechtes Buch.
      Gary Victor war diesmal etwas verhaltener mit dem Surrealistischen, daher fand ich es noch besser als die Vorgänger.

    2. Danke für den Zuspruch! Wir hatten in der Vergangenheit auch schon Kurzrezensionen, aber haben gemeinsam entschieden, dieses Format nochmal neu ins Blog zu integrieren. Ich mag an der Neuauflage besonders, dass es zu jedem Werk ein individuelles Foto gibt. Auch wenn die Texte kürzer sind, so haben wir uns doch mit den Geschichten auseinander gesetzt.

  2. „Suff und Sühne“, eines meiner Highlight-Titel 2017,
    „Asphaltseele“: Mich hat sehr gestört, dass der Verlag Autor und Buch mit den Worten „Gregor Weber läutet die Renaissance des deutschen Noir ein“ vorgestellt hat. Diesem Anspruch wird es in keiner Weise gerecht.

    1. Diese Anpreisung muss mir entgangen sein, denn dann hätte es mich vielleicht davon abgehalten, das Buch zu lesen. Jedenfalls stimme ich mit dir, lieber Philipp, überein, dass es sich keinesfalls um deutschen Noir handelt. „Asphaltseele“ ist ein unterhaltsamer Krimi mit für meinen Geschmack zu vagen Rückblenden und zu viel Schnulze im Abgang. Die Figur des Kommissars hat mir gut gefallen. Bloß, warum dieser alberne Name?

Gedanken dazu

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