Marek Krajewski | Pest in Breslau

„Da ist er!“ rief das Mädchen. „Dieser Mann verfolgt mich schon die ganze Zeit! Ich wollte sehen, ob er in der Graupenstraße weitergehen würde, wenn ich den Laden betrete, aber nein! Er blieb vor dem Geschäft stehen und wartete auf mich. Ich habe Angst vor ihm, er ist doch bestimmt ein Perverser, schauen Sie, was für ein kriminelles Gesicht er hat!“ (Auszug Seite 103)

Breslau 1923. Oberwachtmeister Eberhard Mock ist im Grunde kein Typ Mann, der Schrecken verbreitet, wenn ihn Autor Marek Krajewski auch als äußerst schludrigen und und nachlässigen Typen mit einem Selbstbewusstsein groß wie ein Elefant angelegt hat. Besonders ins Gewicht fällt dabei sein Hang zum Alkohol, dem er sich einer Rückschau folgend bereits ein ganzes Jahr hingegeben hat, ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei lebte er in dieser Zeit stumpf in einer Zelle des Reviers und ließ sich einfach gehen.  Als er nunmehr von der Kriminalpolizei zu einem Tatort gerufen wird, bei dem es den Doppelmord an zwei Dirnen aufzuklären gilt, entbrennt in ihm sein alter Traum; denn er wäre so unsagbar gern Teil der Mordkommission.

Das Schlimme war ja, dass sein Vater Recht hatte. Eberhard Mock würde jedoch nach dreizehn Jahren bei der Polizei seinen Beruf um nichts in der Welt gegen einen anderen eintauschen wollen. Das Einzige, was er ändern wollte, war die Stimmung im Büro. Sein Vorgesetzter und die Kollegen, außer Smolorz und Buhrack, brachtem ihm entweder Angst oder Verachtung entgegen. Sie verachteten den Säufer und Bordellbesucher, und sie fürchteten seine Wut und Unberechenbarkeit. Allerdings konnte dieses Gefühl rasch in Respekt und Freundschaft umschlagen. Mock glaubte fest daran, dass diese Wandlung stattfinden würde, und zwar an dem Tag, da er zur Kriminalpolizei wechseln würde. Und an diesem Tag würde er sich nicht vor Freude besaufen; nein, er würde seinen eleganten Gehrock anziehen und zum Städtischen Friedhof fahren. (Seite 62 und 63)

Doch ausgerechnet bevor er an diesem Tatort eintrifft, erwacht Mock nackt und mit rosa Farbe verschmiert auf einer Lichtung, lediglich eine alte Decke dient ihm als Schutz. Behelfsmäßige Bekleidung findet er bei seiner Rückkehr in der Amtsstube, doch diese passt auch nicht mehr so recht, denn das Jahr im Suff hat ihm nicht nur einen zweifelhaften Ruf sondern auch einige Kilos mehr eingebracht. Trotzdem erscheint er nach einem persönlichen Rapport eines Boten am Tatort, wo er schon von Mühlhaus, dem Leiter der Mordkommission, erwartet wird. Mock ist bestrebt, alles zu tun, um diesen von sich zu überzeugen, doch es ist leider zum Scheitern verurteilt. Der Leser ahnt: Der Kommissariatsleiter hatte es ohnehin bloß auf Eberhard Mocks Spezialwissen um leichte Mädchen angelegt und hatte keineswegs die Absicht, ihn in sein Team aufzunehmen.

Mock hegt eine innige Zuneigung zu Frauen. Im Grunde liebt er alle Frauen, fühlt sich aber den Dirnen sehr hingewandt. Daher erwischt ihn oben erwähnter Bote auch mitten im Liebesakt im Bordell, wobei gerade in dieser Szene zu spüren ist, dass der Umgang Mocks mit den Dirnen nicht nur ein zärtlicher sondern auch ein selbstverständlicher ist, den er genießt. Er kennt die Frauen, das macht ihn zu einem interessanten Helfer bei der Aufklärung des Doppelmordes; denn die Identität der Frauen ist nicht geklärt. Mock ist der einzige Beamte, dem man zutraut, dies alsbald möglich zu erledigen. Und trotz weiterer Demütigungen seitens Mühlhaus‘, legt sich Mock ins Zeug und setzt alles daran, Ergebnisse zu liefern.

Mock näherte sich den Frauen. Er beugte sich über sie und stellte angeekelt fest, dass sie behaarte Beine und Achseln hatten; das konnte er nicht leiden. Und plötzlich musste er sich vor sich selbst ekeln. Du dämliches Arschloch, du bist hier nicht der Kunde!, sagte er zu sich. Zwei Frauen wurden ermordet, vielleicht haben sie Kinder hinterlassen, und dir gefällt nicht, dass sie unrasiert sind? Du bist wirklich pervers, deine Bordellbesuche haben dich völlig verdorben, die käuflich Liebe hat dich zerstört, du hast die Syphilis im Hirn! Ob es eine Medizin dagegen gibt, Arsen oder Bismut? (Seite 45)

Bereits in diesem sehr ereignisreichen Handlungsstrang wird eine Person eingeführt, die in einem zweiten Handlungsstrang eine wichtige Rolle spielt. Dabei handelt es sich um den Mörder der Mädchen, welcher sich durch diese Tat Zugang zur beziehungsweise Aufnahme in die Bruderschaft der Misanthropen verspricht.

Aufgenommen werden skrupellose Mörder, bestialische, gewissenlose Menschen, Menschen mit eiserner Geduld und Nerven aus Stahl. (Seite 115)

Eberhard Mock ist diese Bruderschaft – oder auch Geheimbund – bis zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen nichtssagend, so dass er zunächst einmal bei den Luden ansetzt, um die Identität der beiden toten Mädchen zu klären. Dabei erweist er sich als ausgesprochen durchsetzungsstark und zielstrebig. Kurzerhand lädt er alle Zuhälter der Stadt vor und lässt sie zum Gefängnis transportieren, wo er sie sozusagen in Geiselhaft nimmt. Eingepfercht in einer Zelle in der es schon nach kurzer Zeit unsäglich stinkt, will Mock die Burschen gefügig machen.

Zur gleichen Zeit bemüht sich besagter Mörder weiterhin um die Aufnahme in den Geheimbund. Was er sich davon verspricht bleibt im Dunkel. Eingehender hingegen ist die Beschreibung der Mitglieder dieser Bruderschaft, der selbstredend nur Männer angehören, und natürlich auch nur Mörder. Als Unterpfand zur Erhaltung der Bruderschaft ist es unerlässlich, dass jedes Mitglied sich erpressbar macht, indem Polizei verwertbare Beweise mindestens eines Mordes allen anderen Mitgliedern bekannt sind und diese sicher verwahrt werden. Dabei gelten genaue Vorgaben hinsichtlich der Tötung.

„Es gibt drei Möglichkeiten, unserer Bruderschaft beizutreten. Die erste: einen Elenden töten, etwas von seinem Körper mitnehmen, pars pro toto, ihn dann exhumieren und beweisen, dass dieses Stück tatsächlich von seinem Körper stammt. Diese Methode nennen wir Quod erat demonstrandum. Die zweite Methode wäre der Mord an einer elenden Kreatur, der jedoch nicht bestraft werden kann. (…) Diese Methode nennen wir Impune interfecit. Es gibt noch einen dritten Weg, uns beizutreten. Das wäre die Methode, jemanden zum Selbstmord zu zwingen. Das nennen wir: Coactus manu se ipsa interfecit. (…) Welche Methode wählst du? Den endgültigen Beweis, den ungestraften Mord oder den manipulierten Selbstmord?! (Seite 152 und 153)

In den Jahren 1999 bis 2009 wurden insgesamt sechs Fälle um Marek Krajewskis Kommissar Eberhard Mock ins Deutsche übersetzt. Pest in Breslau ist bereits der fünfte und damit vorletzte Teil der Serie. Doch der Plot klang so spannend anders, dass ich dieses Buch für unser Themenspezial Weimarer Republik wählte.

Mit der Figur Eberhard Mock wird der ohnehin schon überreiche und verdichtete Plot zu einem fulminanten Ritt durch den Pudding der Ereignisse. Im Grunde bin ich während des Lesens aus dem Staunen über diesen Roman nicht raus gekommen. Krajewski schafft es auf ungeheuerlich gute Weise Gefühle und Umstände zu beschreiben, er macht sie nahezu greifbar. Dabei ist sein stärkstes Medium Oberwachtmeister Mock, der trotz seiner Erscheinung und seines Auftretens beim Leser als Sympath durchgeht, dem man unbedingt Erfolg wünschen mag. Die Zusammenführung der beiden Handlungslinien hat mich sehr begeistert. Ich habe es bewusst nie als so gelungen empfunden wie in diesem Kriminalroman, der ein ungeschöntes Schlaglicht auf die Umstände Breslaus in den 1920er-Jahren wirft, was nun schon unglaubliche 90 Jahre her ist.

Wer sich bei derber Sprache und vereinzelten gruseligen Momenten gut unterhalten fühlt, dem möchte ich Pest in Breslau gerne empfehlen. Ich werde sicherlich den ein oder anderen Teil der Serie noch lesen. Sind alle Teile derart komprimiert, wird es mir ein Vergnügen sein, die Hintergründe Mocks zu erlesen.

 

2016-11-26-11-11-01

Pest in Breslau | Erschienen am 1. Juli 2009 bei dtv
ISBN 978-3-42324-727-6
280 Seiten | 14,90 Euro
Beim Verlag derzeit vergriffen.
Bibliographische Angaben & Leseprobe

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres Themenspezials Weimarer Republik.

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