Adrian McKinty | Rain Dogs

Ich hob das Laken und schaute sie mir an. Ihre dunklen Haare, das an der Seite eingeschlagene, rechts aber merkwürdig unberührte Gesicht. Die Arme lagen am Körper. Das linke Auge stand offen, nicht länger smaragdfarben, sondern blind und blutunterlaufen und durch das Mysterium des Todes verklärt. Eine Schneeflocke landete auf ihre Lippe, eine weitere in ihrem offenen Mund. Komisch, sie hatte sich nicht die Hände zum Schutz vors Gesicht gehalten. Selbst die entschlossensten Selbstmörder schützten normalerweise ihr Gesicht – rein instinktiv, dagegen konnte man nichts machen. Aber vielleicht war sie deswegen in der Nacht gesprungen. In der Dunkelheit hatte sie den Boden nicht näher kommen sehen.
Ja. Das wird es wohl gewesen sein. Es konnte ja nichts anderes als Selbstmord sein. (Auszug Seiten 99-100)

Sean Duffy wird frühmorgens ins beste Hotel von Carrickfergus gerufen. Doch der vermeintliche Brieftaschen-Raub bei einer finnischen Investorendelegation entpuppt sich als dummer Scherz. Duffy, gerade frisch von seiner Freundin verlassen, hinterlässt noch seine Nummer bei der Journalistin Lily Bigelow, die die Delegation begleitet. Doch zu Duffys Bedauern meldet sie sich abends nicht bei ihm. Stattdessen wird Duffy am nächsten Morgen zum Carrickfergus Castle gerufen: Im nachts hermetisch abgeriegelten Burghof liegt die Leiche von Lily Bigelow.

Auch wenn auf den ersten Blick alles nach Selbstmord aussieht, hat Duffy von Beginn an ein merkwürdiges Gefühl. Doch ein Mord und noch dazu wieder im abgeschlossenen Raum wie schon bei Lizzie Fitzpatrick (Die verlorenen Schwestern)? Nein, das kann einfach nicht sein. Doch die Rechtsmedizin belehrt Duffy eines besseren. Es war tatsächlich Mord und auf einmal ist der unauffällige Museumswärter der Hauptverdächtige. Schließlich war er nach Ende der Öffnungszeiten der Einzige in der verschlossenen Burg. Doch Duffy ist mit der einfachen Lösung nicht zufrieden und findet heraus, dass Lily Bigelow als Reporterin der Financial Times weniger aus wirtschaftsjournalistischen Gründen die finnischen Delegation begleitete, sondern sie hatte einen anonymen Hinweis auf etwas viel Brisanteres – Kindesmissbrauch.

Zum fünften Mal schickt Adrian McKinty seinen Detective Inspector Sean Duffy nun ins Rennen und es ist einfach unglaublich, mit welcher gleichbleibend hoher Qualität diese Krimireihe verfasst ist. Diesmal schreiben wir das Jahr 1987. Wieder haben wir ein Locked-Room-Mystery. Und wie immer schafft der Autor eine fast ideale Balance zwischen interessantem Kriminalfall, gesellschaftlich-politischen Komponenten und dem Setting von Nordirland in den 80ies.

Temporeich, schwarzhumorig, mit starken Dialogen und knappen Sätzen. Großartig vor allem wie McKinty reale Personen fiktiv einbaut, so etwa den „Champ“, Muhammad Ali, in der Anfangsszene oder den legendären DJ und BBC-Moderator Jimmy Savile, dessen pädophilen Taten erst vor einigen Jahren postum öffentlich wurden.

Das Highlight dieser Reihe aber ist und bleibt dieser Kerl, dieser Sean Duffy. Immer noch unbeugsam, gegen alle Widerstände und am liebsten mit dem Kopf durch die Wand. Dabei immer latent melancholisch und auf dem Weg in die Torschlusspanik. Aber McKinty versteht es auch, diesen Duffy altern und sich menschlich weiterentwickeln zu lassen. Aber manche Dinge ändern sich nie. Die Joints. Die Wodka Gimlets. Und der obligatorische Blick unter den BMW, wo eh keine Bombe ist. Obwohl…

Ich ging zum BMW, suchte unter dem Wagen nach einem Sprengsatz mit Quecksilberzünder, fand keinen, stieg ein.
Schlüssel im Zündschloss.
Meine Nackenhaare sträubten sich.
Angst vor dem Unsichtbaren. Etwas Bedrohliches, Schreckliches, ganz nah.
„Moment mal… Moment mal, verflucht.“ (Seite 288)

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Rain Dogs | Erschienen am 6. Februar 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51846-747-3
401 Seiten | 14,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu Adrian McKintys Romanen Die verlorenen Schwestern sowie Gun Street Girl

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5 Gedanken zu “Adrian McKinty | Rain Dogs

  1. Schöne Besprechung! – Für mich derzeit ganz klar eine der interessantesten, innovativsten und von der Qualität her stabilsten Krimi-Reihen. Man kann nur hoffen, dass Adrian McKinty seiner Schöpfung Sean Duffy nicht so schnell überdrüssig wird. Von 1987 bis heute gibt es jedenfalls noch genug Raum und historischen Kontext, um weitere Handlungen auf Papier zu bringen. Egal, ob mit „Locked-Room“-Mystery oder ohne. ;-) Wobei ich ersteres als alter John Dickson Carr-Fan sogar begrüße. :-)

    1. Ja, ich hoffe auch, dass da noch einiges kommt. Zumindest bis zum Karfreitagsabkommen (wann war das? Ende der 90er?) ist auch noch genügend politischer Sprengstoff vorhanden.

    2. Puh, müsste ich auch nachgucken. Ich meine es wäre damals kurz vor der WM gewesen. Also dann 1998. Bis dahin könnte McKinty in der Tat noch einiges nutzen.

  2. Hallo,
    jetzt musste ich ja doch lesen kommen ob er immer noch unter das Auto schaut ;-)
    Konsequenz? Ich muss mal wieder was über den katholischen Bullen lesen.
    Deine Rezension ist spitzenklasse und ich würde das Buch am liebesten sofort lesen.
    Einer der Buch-Typen die ich mag und denen ich immer wieder folge.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    1. Ja, der Blick unters Auto ist wichtiger denn je…;-)
      Du solltest bei dieser Reihe unbedingt am Ball bleiben.
      LG, Gunnar

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