Adrian McKinty | Die verlorenen Schwestern

Ich sah sie an. Ihre Augen blitzten wütend, das rote Haar zerrte an den Spangen, die es zusammenhielten. „Haben Sie mich verstanden, Inspector?“

„Eigentlich nicht. Wollen Sie damit sagen… Mal sehen, ob wir ganz sicher über dieselbe Angelegenheit sprechen, Mrs. Fitzpatrick. Wenn ich den Mörder ihrer Tochter finde und Ihnen den hinreichenden Beweis für die Täterschaft liefere, dann.. dann…“
„Dann gebe ich Ihnen Dermot McCann“, sagte sie kaltlächelnd. (Seite 129 – 130)

Sean Duffys Polizeikarriere scheint am Ende. Nach den Vorkommnissen im letzten Fall (Die Sirenen von Belfast) bereits degradiert, wird er nun aufgrund von Falschaussagen zu einer angeblichen Fahrerflucht vollständig aus dem Dienst entlassen. Doch der Massenausbruch von IRA-Häftlingen aus dem Maze-Gefängnis im September 1983 bringt ihn wieder ins Spiel: Einer der gefährlichsten Ausbrecher ist Dermot McCann, ein Schulfreund Duffys. Der MI5 rekrutiert Duffy und setzt ihn in seinem alten Dienstgrad wieder ein. Sein Auftrag: Dermot McCann aufzuspüren.

Doch das ist einfacher gesagt als getan. Im Umfeld von McCann redet natürlich niemand, schon gar nicht mit einem Bullen, selbst wenn der katholisch ist. Doch dann bietet sich Duffy eine Chance. Die Ex-Schwiegermutter ist bereit, McCann ans Messer zu liefern. Dafür soll Duffy den Mörder ihrer Tochter Lizzie finden. Doch der Fall ist von der Polizei als Unfall abgeschlossen worden und auf dem ersten Blick scheint das auch plausibel zu sein …

Adrian McKinty hat mit der Reihe um Sean Duffy eine wirklich bemerkenswerte Kombination aus charismatischer Hauptfigur und spannendem, auf historischen Fakten basierendem Setting geschaffen. Die verlorenen Schwestern ist der dritte Teil der Reihe und spielt zeitlich von September 1983 bis Oktober 1984. Nordirland Anfang der 1980er ist ein permanentes Pulverfass, Katholiken gegen Protestanten, die Terroristen zerfallen noch in zahlreiche Splittergruppen. Immer in der Schusslinie: Die (protestantische) nordirische Polizei und die britische Armee. Permanent gehen Bomben irgendwo hoch oder es werden Granatenangriffe verübt. Ständig sucht Duffy sein Auto nach Sprengsätzen ab.

Ich-Erzähler Sean Duffy muss man einfach mögen. Ein intelligenter, junger Mann, ein wenig unangepasst, draufgängerisch. Autos, Musik, ab und zu eine Frau, Joints, Wodka Gimlets. Das Kind im Manne ist noch allzu gegenwärtig. Doch gleichzeitig versprüht er immer einen Hauch von Melancholie und leichter Depression.

Der Autor ist selbst in Nordirland aufgewachsen und schildert die Verhältnisse durch seinen Ich-Erzähler sehr authentisch und erfrischend mit viel Zynismus und bissigem Spott („Es regnete, also machte ich die Scheibenwischer an. Diese Gegend von Derry sah durch Regen und Scheibenwischer einfach besser aus.“ [Seite 90]). Das Buch ist quasi ein Politthriller mit einem innen liegenden Krimi. Und hier packt McKinty noch viel Finesse aus, denn der Fall Lizzie Fitzpatrick beinhaltet das klassische Kriminalthema „Das Rätsel des verschlossenen Raumes“ – mit schönen Grüßen an die Altmeister Poe und Co. Eine weitere Besonderheit an der Sean-Duffy-Reihe sind die zahlreichen Reminiszenzen an die Popkultur. Nur musikalisch hält sich Duffy dieses Mal etwas zurück, was wohl daran liegt, „dass 1983 wohl das schlimmste Jahr in der Geschichte der Popmusik der letzten zwei Jahrzehnte werden würde“ (Seite 13).

Diese Reihe hat einfach alles, was gute Kriminalliteratur für mich ausmacht: Eine smarte Hauptfigur, einen spannenden Schauplatz, politisch-gesellschaftliche Hintergründe, schwarzen Humor und außerdem literarisches Niveau. Die verlorenen Schwestern fügt sich da qualitativ nahtlos ein. Unbedingt empfehlenswert.

Sean Duffy’s Driving Music Blog Adrian McKinty

Sean Duffy’s Driving Music YouTube Playlist

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

 

Die verlorenen Schwestern

Die verlorenen Schwestern | Erschienen am 7. März 2015 bei Suhrkamp Nova
ISBN 978-3518465950
378 Seiten | 14,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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9 Gedanken zu “Adrian McKinty | Die verlorenen Schwestern

  1. Bitte nennt in allen Rezensionen fremdsprachiger Krimis die Übersetzer, die Übersetzerinnen! Sie haben es verdient!

    1. Ihre Art, Herr Torberg, missfällt mir. Sprechen Sie doch bitte nicht im Namen einer gesamten Berufsgruppe, wenn Sie eigentlich nur sich selbst meinen. Sich selbst einen Verdienst zuzuschreiben wirkt doch immer etwas geltungsbedürftig. Davon wiederum halte ich nichts, so dass sich die Katze in den Schwanz zwickt.

  2. Ich bin mir nicht ganz sicher, was Sie aus meinen zwei kargen Sätzen lesen wollen. Ich weise lediglich darauf hin, dass die Übersetzer, Übersetzerinnen genannt gehören. Ich meinte eben nicht nur mich selbst. Und warum ich nicht im Namen meiner Berufsgruppe sprechen dürfte, will mir nicht einleuchten.

    1. Bitte, Herr Torberg, lassen Sie es gut sein. Sie haben bereits in der Vergangenheit auf anderen Blogs auf entwürdigende Weise Ihre Art zur Schau getragen. Was Sie möchten ist angekommen. Was wir tun, entscheiden wir selbst. Wer ****** will, muss freundlich sein! ;-)

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