Xavier-Marie Bonnot | Im Sumpf der Camargue

Der Marseiller Polizeikommandant Michel de Palma müsste sich eigentlich von seinen Verletzungen erholen, die er sich im letzten Fall zugezogen hat. Ingrid Steinert, Ehefrau des milliardenschweren deutschen Industriellen William Steinert, braucht aber seine Hilfe: Ihr Mann ist seit einigen Tagen verschwunden. Obwohl am Anfang nicht besonders interessiert, weckt der Fall doch de Palmas Neugier, als die Leiche von Steinert in den schlammigen Sümpfen der Camargue gefunden wird. Die Polizei meint die Lösung schnell zu kennen: ertrunken, ein Unfall. Dann überschlagen sich die Geschehnisse, als immer mehr Leichen auftauchen, alle auf bestialische Weise verstümmelt. Ist die Tarasque, das Ungeheuer aus den Sümpfen, mehr als ein Mythos?

Polizeikommandant Michel de Palma aus Marseille tritt wieder auf den Plan, der „Baron“, wie er respektvoll genannt wird, muss in seinem dritten hierzulande veröffentlichten Fall (in Frankreich erschien „La bête du marais“ bereits 2004 als zweiter Band der de Palma-Reihe) tief in die Sümpfe der Camargue vordringen und er muss Geheimnisse lüften, die zurückreichen in die Zeit der Besatzung während des zweiten Weltkriegs, als einige Bewohner der Dörfer um Tarascon offensichtlich Kollaborateure waren, andere aber erbitterte Gegner der Nazis. Und de Palma stellt fest, dass wichtige Tathinweise in seinem neuen Fall noch viel weiter zurückweisen, und zwar bis in die griechisch-römische Vergangenheit der Provençe, die Zeit um 30 bis 40 Jahre vor Christi Geburt. Die damaligen Bewohner haben nämlich Spuren hinterlassen, bedeutende Bodendenkmäler, die für einige Wissenschaftler überaus interessant sind und den Interessen einiger Spekulanten durchaus im Wege, die ausgerechnet auf dem Gebiet der archäologischen Funde einen riesigen Freizeit- und Erlebnispark anlegen wollen.

Hier wäre auch Platz für die Tarasque, „ein Ungeheuer, eine Geißel Gottes, begierig nach menschlichem Blut und Leichen. Das Untier hat vom Drachen den Schweif und Schuppen auf dem Rücken und furchterregende Stachel! Von einem großen Löwen hat es das Maul, und was es nur kann nimmt es mit in seine Höhle.“ So beschreibt es der große Provenzalische Dichter Frédéric Mistral, Nobelpreisträger des Jahres 1904 in seinem Hauptwerk „Mirèio“, „Mireille“. Die Zeilen aus seinem Gedicht sind diesem Krimi vorangestellt und der Mythos um das grässliche Reptil spielt eine nicht unerhebliche Rolle und zieht sich daher durch den gesamten Roman. Der beginnt am Tage der heiligen Marthe, dem 29. Juli, an dem jedes Jahr zu Ehren der Schutzpatronin des Städtchens Tarascon ein Festumzug stattfindet, zum Dank dafür, dass sie das menschenfressende Monstrum schließlich besänftigte.

Die Höhle unter einem Felsen, der die Rhône überragt, wohin das Fabelwesen verbannt wurde, ist heute noch wichtiger Teil des Kultes und des Rituals um die Drachengeschichte, denn für die Menschen hier zählt nur die Tradition, ohne ihr Ungeheuer sind sie verloren und wer behauptet, die Tarasque sei mehr ein Symbol und hätte nie existiert, setzt sich dem Zorn der hiesigen feinen Gesellschaft aus, in der alle mehr oder weniger miteinander verwandt sind oder zumindest befreundet. Als im Verlauf der Ermittlungen de Palmas wiederholt grässlich verstümmelte, buchstäblich „angefressene“ Leichen auftauchen, wird erst recht die Frage laut, welche Verbindung zu dem alten Aberglauben um die Menschen verschlingende Bestie besteht und zur Bruderschaft der Tarascaires, angesehen Bürger aus den umliegenden Dörfern, die beim Umzug das riesige hölzerne Fabelwesen als Ritter der Tarasque durch die Straßen bewegen.

Wie von Xavier-Marie Bonnot nicht anders zu erwarten, bietet der vorliegende Roman Im Sumpf der Camargue nicht nur einen spannenden Kriminalfall, sondern eine ganze Reihe von Geschichten, die hier durchaus ebenbürtig nebeneinander stehen und absolut gleichrangig behandelt werden. Es sind nicht nur die interessanten Einblicke in unterschiedliche Epochen der provenzalischen Geschichte, die der promovierte Historiker Bonnot sehr unterhaltsam gewährt,
es gibt ebenso die manchmal liebevolle, warmherzige, bisweilen aber auch despektierliche Schilderung des heutigen Alltags in der ländlichen Umgebung der Metropole Marseille, ihrer skurrilen Bewohner, eigenwillige Starrköpfe die den Untergang und Verfall der alten, vertrauten Sitten und Gebräuche bedauern und den Ausverkauf ihrer Heimat an neureiche Zugezogene und gewissenlose Spekulanten beklagen.

Viel Raum bleibt für die Darstellung des „privaten“ Michel de Palma, ein Feingeist und Feinschmecker, Weinliebhaber und Opernfreund und -kenner, der ein besonderes Verhältnis zu Anne Moracchini unterhält, die nicht nur seine liebste Kollegin ist, sondern auch seine Geliebte. Ein Trauma quält ihn seit langem, ein ungelöster Mordfall, bei dem er einer jungen Frau nicht helfen konnte, Isabelle Mercier, die ihn seither in Albträumen heimsucht. Der Baron erholt sich gerade von einer schweren Blessur, die ihn am Ende des ersten de Palma-Romans Die Melodie der Geister fast das Leben gekostet hätte, als eine geheimnisvolle schöne Frau ihn bittet, Nachforschungen über ihren verschollenen Mann anzustellen, den sie ermordet wähnt. William Steinert ist ein sehr, sehr reicher deutscher Industrieller mit regem Interesse an den Altertümern und ebenso an okkultem Wissen, an Mythen, Legenden und dem Aberglauben der Region, wo er das Mas de la Balme erworben hat, ein altes Gut mit alleinstehendem Herrenhaus und großen Gebäuden für einen Landwirtschaftsbetrieb um den sich Ingrid Steinert kümmert.

Sie behält recht mit ihrem Verdacht, die Leiche ihres Mannes wird im Uferschlamm eines Sumpfes im Nationalpark gefunden, wo dem zuständigen Ranger verdächtige Bewegungen und mysteriöse Gesänge aufgefallen sind. Die Ermittlungen der Kollegen de Palmas sowie die Untersuchungen der Ärzte ergeben, dass Steinert ertrunken ist, eine These, an welcher der Baron so seine Zweifel hat. Er stellt also auf eigene Faust Nachforschungen an und trägt immer mehr irritierende Details zusammen in dieser fesselnden Geschichte eines mysteriösen Mordes, der scheinbar gar keiner ist, und, da er nicht im Dienst ist, auch kein Fall, sondern nur eine „Affäre Steinert“. Und die erweist sich als ziemlich brisant, auf de Palma wird geschossen, wobei nicht klar ist, wo die Hintergründe zu suchen sind, denn der Baron legt sich bei seinen Recherchen mit einigen Interessengruppen an und tritt ebenso den unterschiedlichen Mitgliedern des organisierten Verbrechens aus Marseille auf die Füße, den Banden der Kleinganoven ebenso wie den ganz großen, harten Jungs.

Noch dazu wird deutlich, dass es in der kleinstädtischen Idylle etliche lange schwelende Familienfehden gibt und einige brave Bürger, die sich als unversöhnlich und rachsüchtig in Bezug auf lange zurückliegende Verbrechen zeigen. An Themen mangelt es also nicht in Bonnots Roman, und es gelingt ihm mit feinem Gespür für die richtige Balance, die unterschiedlichen Motive und Handlungsfäden plausibel und höchst unterhaltsam miteinander zu verbinden und so zu kombinieren, dass dennoch das Buch an keiner Stelle Längen aufweist und die Spannung kaum einmal nachlässt.

Dafür sorgen auch wieder die üblichen geheimnisvollen Andeutungen, unheimlichen Begebenheiten, nervenaufreibende Begegnungen und Kämpfe mit allerlei gefährlichen Gegnern einschließlich Verfolgungsjagden und Schießereien. Das alles erfordert natürlich auch eine Menge Personal, und es mangelt tatsächlich nicht an einer ganzen Riege von äußerst interessanten, abwechslungsreich und treffend gezeichneten Figuren. Und wie immer bei Bonnot bekommen die faszinierenden Schauplätze einen angemessenen Rahmen, die Region selbst spielt eine Hauptrolle und wird entsprechend gewürdigt, im Gegensatz zur Krimihandlung, in der mit harten Bandagen und miesen Tricks gearbeitet wird, ist die Schilderung von Landschaft und Architektur, der Menschen mit ihren Sitten und Bräuchen, Glauben und Aberglauben durchaus poetisch. An dieser Stelle sei auch der Übersetzer Tobias Scheffel ausdrücklich gelobt, der die besondere Stimmung einmal mehr perfekt eingefangen hat.

Der Roman insgesamt ist nicht ganz so perfekt, aufgrund einiger weniger abwegiger Einfälle und vor allem der unbefriedigenden Auflösung bleibt es bei viereinhalb von fünf Sternen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

 

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Im Sumpf der Camargue | Erschienen am 14. März 2016 im Unionsverlag
ISBN 978-3-29300-501-3
320 Seiten | 21,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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Ein Gedanke zu “Xavier-Marie Bonnot | Im Sumpf der Camargue

  1. Das Foto finde ich klasse. Klar, der Dino macht es ein wenig niedlich, aber grade weil er sich hinter dem Buch zu verstecken scheint und so nach oben guckt, dort wo der Fotograf steht, dessen Schatten fast auf ihn fällt…. hm, irgendwie vielschichtig.

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